Die Null ist auch nur eine Zahl

Romantische Urlaubskomödie auf einer Wandertour durch die Alpen

Leseprobe

„Die Null ist auch nur eine Zahl“ ist eine romantische Komödie von Christine Corbeau über Selbstwert, Begegnungen und zweite Chancen. Die Geschichte verbindet Humor, Gefühl und einen hoffnungsvollen Ausblick.

Die Null ist auch nur eine Zahl - Zino

Christine Corbeau

Romantische Komödie / Urlaubsroman

Nullen Storyversum, Band 3

ab 13 Jahren

1 . Auflage, 2022

TB 224 Seiten

ISBN 9783985101450

Mit „Die Null ist auch nur eine Zahl“ erzählt Christine Corbeau eine romantische Komödie über Selbstzweifel, Zufälle und die leisen Momente, in denen sich Lebenswege neu ausrichten. Die Geschichte verbindet humorvolle Alltagssituationen mit emotionaler Entwicklung und richtet sich an Leser:innen, die Liebesgeschichten mit Wärme, Witz und glaubwürdigen Figuren schätzen.

Lust auf mehr?

Hier kannst du die Geschichte kaufen.

Erst einmal zur Leseprobe

Ach, und übrigens: Wenn du das Taschenbuch lieber im Buchladen bei dir um die Ecke bestellen möchtest - kein Problem. Mit der ISBN oben in der Übersicht sollte das klappen. Und zur Not schreib mir einfach eine Mail - ich hab auch welche auf Lager.

»Du kannst rennen, wie du willst. Sie bekommt dich doch.«


Zino steht kurz vor seinem 40. Geburtstag – der berüchtigten Null. Erfolgreich, sportlich, charmant. Ein Bild von einem Mann. Und doch kriecht da diese Frage hoch: Ist das wirklich sein Leben? Die Beziehung mit Mimi, die Karriere, die perfekte Fassade – alles scheint zu stimmen. Aber tut es das?


Als Agata, seine Zwillingsschwester, ihm vorschlägt, der Null einfach davonzulaufen – eine Woche durch die Alpen zu wandern, nur er und die Wildnis –, zögert Zino. Weglaufen war noch nie sein Ding. Aber vielleicht ist es genau das, was er braucht. Eine Woche. 256247 Schritte. Bis zu den Hochzeitsglocken.


Was in den Bergen auf ihn wartet, sind nicht nur atemberaubende Gipfel und stille Täler. Es sind die Fragen, vor denen er sein Leben lang davongelaufen ist. Die Erinnerungen, die er weggeschlossen hat. Und eine Entscheidung, die alles verändern könnte.


Denn manchmal muss man erst verloren gehen, um sich selbst zu finden.

Lieber mal reinschauen?

Hier habe ich noch den Trailer für dich, damit du einen Eindruck gewinnen kannst.

Leseprobe

Ausschnitte aus zwei Kapiteln der Geschichte.


Diese Leseprobe enthält das erste Kapitel des Romans sowie einen Ausschnitt aus dem zweiten Kapitel. An Stellen, wo Text zur Straffung ausgelassen wurde, sind Auslassungen durch drei Punkte in eckigen Klammern gekennzeichnet.


SZENE1

Feiger Freitag


»Du kannst rennen, wie du willst. Sie bekommt dich doch.«

Ich schaute meine Schwester mit säuerlicher Miene an. Sie ließ sich davon wie üblich nicht stören und redete munter weiter.

»Schau mal, Bruderherz. Die Null kommt doch auch auf mich zu. Siehst du mich herumlamentieren?«

Ich öffnete den Mund, um etwas Eloquentes zu erwidern, aber sie beantwortete sich ihre Frage selbst. Da war sie ganz ihre Mutter.

»Nein. Genau. Und ich denke, das will etwas heißen, denn ich bin eine Frau.«

Ich verkniff mir die bissige Bemerkung, die mir auf der Zunge lag und brachte ein Lächeln zustande. Zumindest hoffte ich, dass es eines war, denn es fühlte sich nicht unbedingt danach an.

»Ja, ich weiß, dass du auch bald vierzig wirst. Wir sind ja schließlich Zwillinge. Aber du hast schon vor Jahren die Liebe deines Lebens gefunden und eure Kinder sind inzwischen in der Schule, während ich ...«

»Während du was?«, fuhr Agata lächelnd dazwischen. »Zino, jetzt schau dich doch mal an. Du bist ein Bild von einem Mann, sexy, sportlich, humorvoll und intelligent. Schon allein für deine Haare würden manche Menschen töten. Was vermisst du also?« Plötzlich wurden ihre Augen groß. Dann legte sie den Kopf schräg und fragte für ihre Verhältnisse außergewöhnlich vorsichtig: »Oder möchtest du ...?«

»Mammaaa«, tönte es in diesem Moment von hinter uns.

Unwillkürlich fuhr ich herum, obwohl mir schon die Stimme verriet, wer gerade die Terrasse betreten hatte.

Adriano, der männliche Teil von Agatas Zwillingspärchen, stürmte auf seine Mutter zu. In seiner hoch erhobenen Hand flatterte ein Stück Papier.

»Schau, was Zita getan hat!«, rief er, kaum dass er bei ihr angekommen war, und hielt ihr das Blatt mit einer anklagenden Miene auf dem Gesicht entgegen.

Spontan musste ich schmunzeln. Auch Agata schien es so zu gehen, denn sie schaute sich das Papier eine ganze Weile lang stumm an und räusperte sich, bevor sie etwas sagte.

»Eine schöne Geschichte, Tesoro. Und so hübsch gestaltet.«

Adriano schnaubte. »Du hast nichts verstanden!«

»Was gibt es denn da zu verstehen, Tigrotto?«

»Zita ... sie hat ... sie ... hat einfach ... überall Blumen hingemalt!«

»Was natürlich verboten ist für eine Geschichte über den Frühling«, bemerkte Agata verständnisvoll.

»Nein ... ja ... also, das ...«, stammelte Adriano. Mit einem frustrierten Aufschrei riss er seiner Mutter das Blatt aus der Hand und hielt es stattdessen mir hin. »Onkel Zino, was soll ich denn jetzt damit machen?«

Ich schaute darauf und staunte nicht schlecht. Es war kaum zu glauben, dass eine Siebenjährige so etwas fertiggebracht hatte. Die akkurat geschriebenen Worte von Adrianos Geschichte wurden von filigranen Girlanden verschiedenster Blumen und Pflanzen umrahmt. Teilweise waren auch kleine Käfer oder Vögel zu erkennen. Alles war so detailreich gestaltet, dass ich geradezu erwartete, gleich sehen zu können, wie sich eine der Bienen summend von Blüte zu Blüte bewegte.

Ohne dass ich sie dazu aufgefordert hatte, formten meine Lippen Worte.

»Ich denke, du solltest dieses Blatt einrahmen und in deinem Zimmer übers Bett hängen«, murmelte ich und erhob den Blick zu Adriano.

Der ernste Gesichtsausdruck meines Neffen entgleiste vollkommen, als er seine Augen aufriss, während ihm die Kinnlade hinunterklappte. Ich musste mich zusammennehmen, um nicht bei diesem Anblick loszuprusten. Das hätte Adriano mir bestimmt übel genommen. Er wirkte um einiges älter, als er an Jahren zählte. Das mochte daran liegen, dass er zwar die dunkelbraune Lockenmähne seiner Mutter geerbt hatte, diese jedoch stets zu einem möglichst strengen, tiefen Pferdeschwanz zusammennahm, um seinem Vater ähnlicher zu sehen. Auch in seiner Garderobe spiegelte sich dies wider. Wer hatte schon je einen Siebenjährigen gesehen, der in seinem Zuhause nicht etwa mit einer grasfleckigen Jeans und T-Shirt, sondern mit einer dunklen Stoffhose und einem hochgeschlossenen Oberhemd unter einem marinefarbenen Pullunder herumlief. Seine ganze Erscheinung glich dem distinguierten Bild, das Karl Nepomuk Horstmann Freiherr von Joachimsthal, einer der drei vermögendsten Männer Europas, stets vermittelte.

Adriano fand seine Sprache wieder. »Aber ... wieso?«

»Weil ich mir sicher bin, dass Zita es nicht böse gemeint hat, als sie das Blatt bemalt hat. Sie wollte dir damit nur zeigen, dass sie dich ganz doll lieb hat.«

Wieder trat der entgeisterte Ausdruck auf sein Gesicht.

»Das ist auch kein Wunder«, ergänzte ich und verwuschelte ihm das Haar. »Du kannst schon mal damit anfangen, dich daran zu gewöhnen, dass dir die Herzen der Mädchen zufliegen werden, Bellissimo.«

Und ganz bestimmt auch einiger Jungs.

»Mädchen, pah!«, rief er und schnappte sich das Blatt aus meiner Hand. Dann drehte Adriano sich auf dem Absatz um und stürmte davon, ließ das Papier diesmal aber nicht hinter sich herflattern, sondern barg es an seiner Brust.

»Du kannst gut mit Kindern umgehen«, drang Agatas Stimme sanft an mein Ohr. »Und damit komm ich auch direkt wieder auf das, was ich sagen wollte, als Drino uns wie auf Stichwort unterbrochen hat.«

Ich blickte sie fragend an.

»Meinst du, dass es das ist, was dir fehlt? Möchtest du Kinder?«

»Wie soll denn das gehen?«, rief ich prustend.

Meine Schwester hob eine Augenbraue. »Ich denke schon, dass du weißt, wie das geht. Und bevor du mich unterbrichst, auch für schwule Paare ist es inzwischen kein Problem mehr, zum Beispiel ein Kind zu adoptieren. Wir leben schließlich nicht mehr im Mittelalter.«

Bevor ich etwas erwidern konnte, schoss mir ein Gedanke durch den Kopf.

Ich und Vater? Das kann doch nichts werden – ich hatte ja nicht einmal selbst einen!

Das stimmte natürlich nicht, denn ohne einen solchen hätte es weder Agata noch mich gegeben. Und doch hatte sein sang- und klangloser Abgang, als wir Teenager waren, nicht nur eine schmerzliche Lücke hinterlassen, sondern auch die beständig bohrende Frage, wer die Schuld dafür trug.

Fast hätte ich diese Worte laut ausgesprochen, doch dann schüttelte ich nur den Kopf und brachte ein schiefes Grinsen zustande.

»Da hast du natürlich recht, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es das nicht ist. Wenn ich mal Lust darauf bekomme, kleine Menschen zu knuddeln, dann weiß ich ja, wo ich Zita und Drino finde.«

Agata lachte auf. »Und ich würde sie dir sogar von Zeit zu Zeit ausborgen.«

Ich prostete ihr mit meinem Eistee zu, nahm einen Schluck und ließ dann den Blick über das Anwesen der Familie von Joachimsthal schweifen, das sie an Wochenenden oder in den Ferien bewohnten. Sanft geschwungene Wiesen wurden umrahmt von den Stämmen eines Mischwaldes, durch die man an manchen Stellen das Glitzern eines Sees erkennen konnte. Alles strahlte eine angenehme Ruhe aus und bildete einen idealen Kontrast zu den Häuserschluchten von New York, die ich in den letzten Wochen hauptsächlich durch die Fenster klimatisierter Büros zu sehen bekommen hatte. Im Auftrag einer der Firmen von Agatas Mann Cal hatte ich dort die Verhandlungen mit einem Start-up zur Übernahme einer von ihnen entwickelten Technologie geführt. Nachdem diese erfolgreich abgeschlossen worden waren, hatte meine Schwester darauf bestanden, dass ich den Firmen-Jet nahm und sie besuchte, bevor ich nach Berlin zurückkehrte. Ich konnte nicht anders, als ihr dafür zu danken. Auch wenn die letzten Tage bei all ihrer Intensität durchaus schön gewesen waren, hatte ich doch das Gefühl, eine kleine Ruhepause gebrauchen zu können.

Werde ich etwa alt?

Und da war sie wieder. Die Null, die in Form des vierzigsten Geburtstags am nächsten Mittwoch auf mich zurollte. Und damit auch die Frage, ob ich bei allem, was ich schon erreicht hatte, immer noch nach dem tieferen Sinn meines Lebens suchen musste.

»Zino? Alles klar bei dir?« Agata legte ihre Hand auf meine und sah mich forschend an. »Bis eben noch hatte ich das Gefühl, dass die Zeit hier bei uns im Grünen auf dich einen entspannenden Effekt hat. Aber das hat sich gerade irgendwie ... abgeschaltet.«

»Hmmm«, brummte ich, ohne so recht zu wissen, wie ich meine Gedanken in Worte fassen konnte. Aber die Anwesenheit von Agata, die ihr Herz quasi auf der Zunge trug, bewirkte anscheinend auch in mir, dass ich einfach drauflos sprach, ohne wie sonst zuerst abzuwägen. »Ich musste gerade wieder an Vater denken. Weißt du ... ich ... er ... ach, ich hab keinen Schimmer, wie ich das in Worte fassen soll.«

Agata strich sanft über meinen Handrücken. »Meinst du nicht, dass es langsam Zeit dafür wäre, deinen Frieden mit ihm zu machen?«

»Dafür müsste ich ihm aber wenigstens mal in die Augen sehen können. Und nicht mal dann wüsste ich, ob das klappen würde. Als er gegangen ist, da warst du ja auch verwirrt, verletzt und sauer. Aber du warst sauer auf ihn.«

»Na, das ist doch klar«, platzte Agata heraus.

»Für dich vielleicht.«

Sie sah mich fragend an.

»Ich weiß ja auch nicht«, murmelte ich. »Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass du eben eine Frau bist ... und Mamma als Leitfigur hattest. Und damit vielleicht auch als Leidensgenossin. Versteh mich nicht falsch. In unserer Dreier-Combo habe ich nie das Gefühl gehabt, dass mir etwas fehlen würde. Aber sonst ...« Ich schüttelte seufzend den Kopf.

»Im Ernst?« Agata wirkte überrascht. »Du warst doch immer mittendrin. Quasi der Leitwolf eurer Clique. Und alle meine Freundinnen haben insgeheim gehofft, dass sie auch dich treffen, wenn sie bei uns zu Besuch waren.« Sie kicherte leise. »Dass das natürlich sowieso nichts gebracht hätte, war mir zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht klar.«

»Nee, damals in der Schule hätte ich das auch noch nicht gewusst.«

Wen willst du damit belügen? Sie oder dich?

Ich stutzte bei diesem Gedanken und begann mich zu fragen, wann genau der Augenblick gekommen war, in dem mir – zumindest für mich selbst – klar geworden war, dass mich keins der Mädchen gereizt hätte.

War das vielleicht sogar genau in dem Moment als ...

Agata tippte mit ihrem Zeigefinger auf meine Herzgegend. »Da ist doch was, das in dir rumort.«

Ich hob unschlüssig die Schultern. Dabei fragte ich mich, ob nicht genau Agata der Mensch wäre, mit dem ich einmal über all die tief in mir festsitzenden Gedanken sprechen könnte, die mir immer wieder in den unpassendsten Augenblicken in die Parade fuhren.

Weil es ja eigentlich meine Schuld war.

Aber dann winkte ich doch ab, weil ich den Augenblick damit nicht belasten wollte. Vor allem, da ich ja bald wieder fahren müsste und wir das Thema nicht vertiefen könnten. »Ach, weißt du, ich musste nur gerade an etwas denken ... egal.« In der Hoffnung, dass Agata nicht weiter darauf eingehen würde, ergänzte ich: »Jetzt fällt es mir auch auf. Was du vorhin gesagt hast, stimmt wirklich. Auch wenn NYC ja echt ne tolle Stadt ist, hatte ich auch noch den ganzen Rückflug über das Gefühl, unter Starkstrom zu stehen. Aber euer Refugium hier hat geholfen. Ja, manchmal braucht es einfach doch nur die Natur, um wieder herunterzukommen.«

Agata tippte sich mit ihrem Glas an die Unterlippe und murmelte: »Vielleicht auch eine Idee für deine Null.«

»Häh?«

Sie nahm einen Schluck von ihrem Eistee und sah mich mit schräggelegtem Kopf an. »Na, überleg doch mal. Vielleicht solltest du dich in der nächsten Woche einfach mal so richtig in die Wildnis begeben. Kann doch sein, dass diese olle Null dich da nicht findet – oder zumindest nicht so sehr belastet.«

»Gar keine doofe Idee, aber ob Mimi da mitmacht ...«

»Mimi? Ach, klar, er heißt ja Michael ...«

»Mittendorf, stimmt.«

Agata kicherte. »Da liegt Mimi natürlich nahe. Obwohl, wenn ich mich recht erinnere, dann sieht er doch eher wie Aragorn aus.«

»Glaub mir, tief in ihm drin schlummert eine Holly Golightly. Wenn kein Spa in Reichweite ist, kann ich mit seiner Anwesenheit nicht rechnen.«

»Na, dann mach es doch allein.«

Obwohl es tief in mir laut Ja schrie, schüttelte ich den Kopf.

»Das bringe ich nicht fertig. Er hat gerade zwei Wochen lang dafür gesorgt, dass meine Pflanzen nicht vertrocknen. Da kann ich doch nicht auftauchen und ihm erzählen, dass ich mich gleich wieder vom Acker mache.«

Agata stutzte. »Wie lange seid ihr jetzt schon zusammen?«

»Fast fünf Jahre.«

»Und ihr wohnt immer noch getrennt?«

Unwillkürlich entfuhr mir ein Seufzen. »Ach, weißt du, das ist auch so eine Sache, bei der ich es inzwischen aufgegeben habe, nachzufragen. Mimi sagt immer, dass er keine gemeinsame Wohnung braucht, um ein Gefühl von Zusammengehörigkeit zu haben. Er ist der Meinung, dass wir uns lieber nur dann treffen sollten, wenn wir beide Bock drauf haben. So ist es viel intensiver und der öde Alltag kehrt nicht so schnell ein.«

»Und was meinst du?«

Ich öffnete den Mund, um zu antworten, schloss ihn aber gleich darauf wieder.

Ja, was meine ich eigentlich dazu?

In der ersten Zeit war ich vollkommen seiner Meinung gewesen und hatte unsere Treffen in vollen Zügen genossen. Dann, etwa nach zwei Jahren, hatte sich die Idee eingeschlichen, dass ein wenig mehr gemeinsamer Alltag schön sein könnte. Aber Mimi hatte sich konsequent einer Antwort auf Andeutungen meinerseits entzogen und schließlich hatte ich nicht darauf beharrt, weil ich unsere gemeinsamen Momente nicht dadurch belasten wollte.

»Ach, kommt der Tag, kommt die Sorge«, sagte ich abwinkend und trank den letzten Schluck Eistee. »Und weil wir gerade von meinem Zuhause sprechen: Ich glaube, ich sollte mal langsam los. Kannst du mir ne Taxe rufen oder ist euer Fahrer gerade frei?«

»Nein und nein«, antwortete meine Schwester kryptisch und erhob sich aus ihrem Lounge-Sessel. »Komm mal mit.«

Ich folgte Agata die Stufen hinunter von der Terrasse und den gekiesten Weg am Haupthaus entlang bis zu den Stallungen. Auf dem Weg kamen wir an Zita vorbei, die sich mit konzentrierter Miene über einen Lavendel-Strauch beugte, um dessen Blütenstände Insekten schwirrten. Auf einer Staffelei, ein Stück entfernt von ihr, stand ein halb fertiges Bild.

Liegt es an den Genen, die die beiden von ihren Eltern vererbt bekommen haben, dass diese Kinder so außergewöhnlich sind? Oder an diesem Elternhaus, in dem die Liebe von Mutter und Vater fast mit Händen zu greifen ist? Wahrscheinlich an beidem.

Lächelnd winkte ich der Kleinen im Vorbeigehen zu. Dann bogen wir um eine Hausecke und traten durch einen Bogengang hindurch auf einen quadratischen Platz. Rechts von uns waren die geschlossenen Tore von Garagen, gegenüber befand sich der große offene Durchgang zu den Pferdeboxen und zur Linken lag eine Koppel, auf der mehrere Pferde umhertrabten.

Du willst mich doch wohl hoffentlich nicht nach Hause reiten lassen.

Agata schien mir den Gedanken am Gesicht abzulesen, denn sie begann zu lachen. »Hast du ehrlich gedacht, ich würde dich hoch zu Ross nach Berlin schicken? Wer will schon ein PS, wenn er ganz viele haben kann?«

Damit betätigte sie einen Schalter auf der Fernbedienung, die sie aus ihrer Hosentasche gezogen hatte, und eines der Garagentore glitt auf.

Sprachlos starrte ich auf das, was dahinter zum Vorschein kam.

»Das ist eine 1959er Corvette C1«, kam mir Agata zu Hilfe. »Cal steht voll auf diesen Kühlergrill und die in die hintere Stoßstange eingearbeiteten Auspuffrohre, aber ich mag die zweifarbige Optik und das weiße Verdeck.« Nach einigen Sekunden, in denen ich weiter wie versteinert auf meinem Platz stand, ergänzte sie: »Das ist das erste Exemplar von Cals neuem ... na, sagen wir mal Hobby-Projekt. Seine Leute besorgen Oldtimer und statten sie mit aktueller Technik aus, ohne das klassische Look-and-Feel zu beeinträchtigen. Betrachte es als Dauer-Leihgabe, denn Cal möchte sich einerseits für deinen Einsatz in New York bedanken, andererseits erhofft er sich von dir als Autonarren Einsichten, ob so etwas gut ankommen würde. Steig mal ein.«

Die letzten Worte lösten meine Starre und ich ließ mich hinters Steuer gleiten. Alles wirkte so, wie ich es mir bei meinem Traumwagen immer vorgestellt hatte. Nur dass bei diesem hier die Instrumente eindeutig aus kleinen Displays bestanden. Ich streckte die Hand zum Anlasser aus und fragte mich dabei, ob ich es ertragen könnte, nur die typische elektronische Begrüßungsmelodie von Elektrofahrzeugen zu hören zu bekommen. Daher zuckte ich zusammen, als stattdessen das Aufbrüllen eines großvolumigen V8-Motors durch die Garage dröhnte.

»Hab ich mir doch gedacht, dass es dir gefallen wird«, rief Agata über das laute Blubbern hinweg. »Cal hat extra einen Sound-Designer und einen Programmierer drangesetzt, damit sich das Ding in jeder Fahrsituation immer noch so anhört wie damals. Ich bevorzuge allerdings diese Variante.« Agata betätigte einen dezenten Schalter am Armaturenbrett und spontan setzte Stille ein.

»Das ist ja der Hammer«, entfuhr es mir. »Am liebsten würde ich ...«

»Sofort damit losbrausen«, beendete Agata meinen Satz. »Hab ich mir schon gedacht. Tu dir keinen Zwang an.«

»Und mein Gepäck?«

»Ist schon drin. Das Ding hat ziemlich viel Platz, weil die Motoren wohl direkt an den Rädern sitzen. Hat Cal zumindest so gesagt.«

[…]

Ich folgte Michaels Rat und setzte mich auf den Balkon. Dort hatte er eine Flasche Champagner im Kühler bereitgestellt. Persönlich hätte ich einen Crémant oder besser noch einen ordentlichen Prosecco bevorzugt – schön kalt und eher Frizzante als Spumante. Ich zog das feine Perlen am Gaumen dem meist recht brachialen Gesprudel vor, mit dem Schampus oft daherkam. Aber trotzdem freute ich mich über Michaels Geste, entkorkte die Flasche und goss uns beiden ein. Ich beobachtete die Sonne, wie sie über den Baumwipfeln des Innenhofs langsam den etwas niedriger liegenden Dächern der umstehenden Häuser entgegensank. Dabei ließ ich die tatsächlich ziemlich stark perlende Flüssigkeit im Glas kreisen und sog tief das fruchtige Bukett ein.

Michael erschien mit zwei Tellern, von denen ebenfalls ein verführerischer Duft zu mir herüberschwebte. Er platzierte beide auf dem Tisch, setzte sich gegenüber und stieß mit mir an. Danach ließen wir uns das Essen schmecken. Doch obwohl das Lammfilet auf den Punkt gegart war und auch die Prinzessbohnen und das Kartoffelgratin durchaus einen Stern verdient gehabt hätten, hatte ich leichte Schwierigkeiten damit, alles zu genießen. Ständig fragte ich mich, wann Michael denn nun die angekündigte Erklärung folgen lassen würde. Die Schmetterlinge, die angesichts seines Koffers in meinem Bauch aufgestiegen waren, hatte er mit seiner Bemerkung vorhin in etwa so gründlich gekillt, als hätte er mit einer Fliegenklatsche draufgeschlagen.

»Was also den ... den Koffer anbelangt«, begann Michael, nachdem wir die letzten Bissen genommen hatten.

»Ja?«

»Ich hoffe, du hältst mich jetzt nicht für übergriffig oder so, aber ich habe ja bemerkt, dass dich dein Geburtstag nächste Woche nicht gerade mit Freude erfüllt.«

»Okay?«

»Und da habe ich mir gedacht, wir könnten uns einfach mal aus dem Staub machen, sodass dich keiner auf Anhieb findet.«

»Aha, und wie ...?«

»Ganz einfach«, sagte Michael und lächelte. »Wir überqueren die Alpen.«

»What?!«

»Ist gar nicht so schlimm, wie es sich anhört.«

»Also, ich würde das nicht als schlimm bezeichnen, aber du ...«

»Genau, es ist deswegen nicht schlimm, weil wir unser Gepäck nicht schleppen müssen und außerdem jede Nacht in einem Hotel mit mindestens drei Sternen verbringen. Ist im Moment echt der heiße Scheiß. Ich habe gerade noch zwei der letzten Plätze für uns organisieren können. Schau mal.« Damit schickte er mir einen Link zur Tour auf mein Telefon.

Ich rief ihn auf und staunte nicht schlecht. »Das würdest du für mich tun?«

Michael hob sein Glas und sandte mir einen glühenden Blick.

Ich sprang auf, umarmte Michael und gab ihm einen Kuss. Dann ging ich in die Küche, um uns Espressi zu machen. Während die Maschine hochheizte, schnappte ich mir mein Telefon und schrieb Agata eine Nachricht.

»Du wirst es kaum glauben ... geht mir jedenfalls so ... aber Michael ist tatsächlich auf eine ähnliche Idee gekommen, wie du vorhin. Wir hauen morgen für ungefähr ne Woche ab. Also viel Spaß beim Feiern. Ci vediamo!« An die Nachricht hängte ich noch den Link dran.

Später am Abend, als wir beide im Bett lagen, schaute ich aus dem Fenster zu der Mondsichel, die über den Dächern Berlins schwebte.

Alle Achtung, Universum. Du scheinst es zu verstehen, wie man Träume wahr werden lässt.

Manchmal frage ich mich, was genau das eigentlich für ein Traum gewesen ist, der mir in diesem Moment erfüllt wurde.


SZENE2

Sympathischer Samstag


»Bist du dir sicher, dass wir das alles wirklich brauchen?« Mit zweifelndem Blick musterte ich den Berg meiner Klamotten und anderer Utensilien, die Michael auf dem Sideboard im Schlafzimmer bereitgelegt hatte.

»Tjahaa«, entgegnete er und hob seinen rechten Zeigefinger. »Das mag daran liegen, dass du noch nicht weißt, womit wir es zu tun bekommen werden. So eine Alpenüberquerung ist kein Kleinkram. Da draußen in der freien Natur kann das Wetter jederzeit umschlagen. Und vergiss nicht, dass wir den ganzen Krempel ja schließlich nicht mit uns schleppen müssen. Dafür ist der Veranstalter zuständig.«

»Veranstalter, stimmt«, fiel es mir wieder ein. »Darüber haben wir ja gestern gar nicht gesprochen. Wird das dann so sein, dass wir die ganze Zeit in einer Horde hinter dem Bergführer herdackeln?«

Mimi schenkte mir einen mitleidigen Blick. »Nun fang doch nicht an zu nörgeln, bevor wir überhaupt losgefahren sind. Aber, nein, wir sind vollkommen individuell in unserer täglichen Tourgestaltung. Zwar werden wohl alle letztendlich ungefähr den gleichen Weg gehen, aber zum Beispiel wann wir losgehen ist uns überlassen.« Er zwinkerte mir zu. »Ich weiß doch, dass du morgens lieber ein bisschen länger frühstückst.«

»Okay, das klingt schon mal gut. Wir machen also unser Ding. Haben die uns denn irgendwelche Karten mitgeschickt, nach denen wir uns richten können?«

Michael grinste breit. »Haben sie zwar, aber ich habe uns da noch was Besseres besorgt. Da gibt’s doch ne App für. Die war sogar kostenlos.«

»Na, dann kann ja nix mehr schiefgehen. Und ich werde jetzt schauen, dass ich meinen Krempel ordentlich verstaut bekomme, damit wir loskönnen. Kannst du dich vielleicht um ein wenig Proviant kümmern, Hase?«

Michael gab mir einen Kuss und verließ das Schlafzimmer Richtung Küche. Nun besah ich mir den Stapel noch einmal genau. Schnell wurde klar, dass Mimi sehr akribisch vorgegangen war, um mir ausreichend Outfits für die Tour zusammenzustellen.

Alles gut und schön, aber drei Paar Schuhe, die ich bestimmt nur abends im Hotel anziehen kann, gehen doch ein bisschen übers Ziel hinaus.

Lächelnd machte ich mich daran, die Fülle auf ein sinnvolles Maß zu bringen, ohne ihn zu brüskieren, weil ich die Gedanken, die er sich gemacht hatte, vom Tisch wischte. Immerhin war das gegenseitige Kofferpacken ein bisher noch nicht abgehakter Punkt auf unserer Bucket-List. Zwar würde ich ihm seinen Koffer wohl nicht packen. Doch die Tatsache, dass er sich so weit in meine Sphäre begeben hatte, um die Sachen aus dem Schrank zu holen, ließ mich hoffen, dass dieser Trip einen Wendepunkt in unserer Beziehung darstellen würde.

* * *

Wenig später standen meine Taschen neben Mimis Koffer an der Tür und wir hatten den Zweitschlüssel der Wohnung an eine Nachbarin gegeben, die sich nun vorübergehend um die Pflanzen kümmern würde.

Michael klatschte seine Hände zusammen und rieb sie aneinander. »So, jetzt musst du nur noch nen kleinen Moment warten, bis ich von der Autovermietung zurück bin. Ich hab uns für die Tour extra nen Jeep reserviert.«

Hey, Mann, wir werden doch wandern. Wer braucht dazu nen Wagen mit Allrad?

Der Gedanke schien mir am Gesicht abzulesen zu sein, denn Mimis zufriedene Miene begann zu flackern. »Zu viel?«, fragte er.

Na immerhin fällt es dir selbst auf.

Aber ich wollte dieses wunderbare Zusammengehörigkeitsgefühl, das die letzten Stunden durchdrungen hatte, nicht zerstören. Also waren es andere Worte, die ich aussprach. »Na ja, weißt du, es ist schon ne coole Idee, aber wenn wir in Garmisch angekommen sind, dann bleibt der Wagen ja stehen. Das wäre doch schade drum. Lass uns das lieber mal machen, wenn wir so ein Ding echt gebrauchen können. Vielleicht kommen wir ja auf den Geschmack und machen als Nächstes ne Tour durchs australische Outback.« Damit zwinkerte ich Michael zu.

Einen Moment lang schien er mit sich zu ringen, seine Idee doch noch durchzusetzen. Aber dann zuckte er mit den Schultern und fragte: »Und welchen nehmen wir sonst? Deiner ist doch immer noch in der Werkstatt.«

»Das lass mal meine Sorge sein. Hilf mir einfach, unser Zeug runterzubringen, dann habe diesmal ich eine Überraschung für dich.«

Wir beluden uns mit den Taschen und Michaels Koffer und schleppten alles bis vors Haus.

»Wohin jetzt?«, fragte er und schaute sich neugierig um, als ob er erwartete, dass irgendwo schon eine Limo mit Chauffeur bereitstehen würde.

»Ist gleich hier um die ... ach, Quatsch, bleib einfach kurz hier stehen und pass auf das Zeug auf. Ich spiel mal Harry und hole den Wagen.«

An Michaels ratlosem Blick erkannte ich, dass er wohl zu jung für dieses Filmzitat war.

Aber meine Altersklasse ist das ja auch nicht. Ich kenne es nur, weil Babbo ‚Derrick‘ auf Video hatte.

Fast konnte ich im Kopf das Quietschen einer Bremse hören, als mir bewusst wurde, wer sich da schon wieder in meine Gedanken geschlichen hatte.

Mario, Agatas und mein Vater. Der Mann, der uns von einem Tag auf den anderen ohne Abschied verlassen hatte.

Mein Schwesterlein hatte offensichtlich schon lange ihren Frieden mit diesem Umstand gemacht. Aber ich hatte dieses Glück nicht. Immer dann, wenn ich am wenigsten damit rechnete, war er wieder da. Und mit ihm die ewige Frage, ob es nicht doch an mir gelegen hatte, dass er gegangen war. Immerhin hatte er kurz vorher etwas von meinen innersten Gefühlen mitbekommen. Gefühle, die ich zu diesem Zeitpunkt nicht einmal selbst verstand.

All die Poster leicht bekleideter weiblicher Stars in meinem Zimmer hingen nur deswegen dort, weil man das als Teenager eben so machte. Ich hatte fraglos einfach die Verhaltensweise meiner Klassenkameraden übernommen, obwohl mich keine der Damen je gereizt hatte.

Und dann war er zufällig ins Zimmer gekommen, als ich gerade mit Marcel ... ja, was eigentlich? Ich war damals ja noch nicht einmal so weit gewesen, ihn zu küssen. Oder irgendeinen anderen Jungen. Aber es hatte eine Art von Spannung in der Luft gelegen, die Vater wohl ebenfalls wahrgenommen hatte, denn er war rot angelaufen und sofort wieder verschwunden. In den folgenden Tagen sprach er mich nicht darauf an. Ich wusste nicht, was mir lieber wäre: Dass er es täte oder dass nie ein Wort darüber gesprochen würde. Dann aber war er weg und mir wurde klar, dass diese offene Sache immer zwischen uns stehen würde – egal, wo er war.

Wo bist du bloß?

Mittlerweile war ich am Parkhaus angekommen. Doch die Spirale, die mich eben im Griff gehabt hatte, wirkte noch so sehr nach, dass ich einen Moment lang gar nicht wusste, was ich hier wollte. Dann aber schüttelte ich heftig meinen Kopf, vertrieb die dunklen Gedankenwolken und ging zum Auto.

Als ich damit auf den Punkt zufuhr, wo Michael mit dem Gepäck stand, breitete sich angesichts seiner großen Augen schließlich doch wieder ein Lächeln auf meinem Gesicht aus.

»Wie sollen wir denn all das hier unterbringen?«, waren dann aber die Worte, mit denen er mich empfing.

Immer der Bedenkenträger, grummelte es in meinem Innern. Jedoch gelang es mir, das Stirnrunzeln, das den Gedanken begleiten wollte, einzudämmen.

Stattdessen stieg ich aus und grinste Mimi an.



Ende der Leseprobe

Wie's weitergeht, verrät dir der Roman

»Die Null ist auch nur eine Zahl«

Die Null ist auch nur eine Zahl – FAQ
Die Nullen-Reihe · Band 3

Die Null ist auch nur eine Zahl

Leserfragen zur Geschichte von Zino

Die Geschichte & Protagonist

Zino ist Agatas Zwillingsbruder aus dem ersten Band der Nullen-Reihe. Während Agata in Band 1 im Mittelpunkt stand, war Zino eine wichtige Nebenfigur. Jetzt bekommt er seine eigene Geschichte – und damit einen tiefen Einblick in sein Leben, seine Herausforderungen und seine Perspektive auf die Welt.

Nein, Band 3 funktioniert auch eigenständig. Die Geschichte konzentriert sich auf Zino und seine persönliche Reise. Wer die ersten beiden Bände kennt, wird Verbindungen und Anspielungen wiedererkennen, aber die Handlung ist vollständig verständlich, auch wenn man direkt mit Zinos Geschichte einsteigt.

Der Untertitel deutet auf eine Reise hin – sowohl eine buchstäbliche als auch eine metaphorische. Zino befindet sich auf einem Weg, der ihn physisch durch die Alpen führt, aber auch emotional und persönlich weiterbringt. Die genaue Bedeutung der Schritte und wohin sie führen, entfaltet sich im Laufe der Geschichte.

Die Geschichte spielt sich über eine Woche hinweg ab – von "Feiger Freitag" bis "Sprachloser Sonntag". Jeder Tag hat seinen eigenen Charakter und seine eigene Stimmung, die sich in den Kapitelüberschriften widerspiegelt. Diese Struktur gibt dem Roman einen klaren zeitlichen Rahmen und zeigt Zinos Entwicklung Tag für Tag.

Zino & Die Figuren

Zino ist charmant, humorvoll, sportlich und intelligent – aber steht kurz vor seinem 40. Geburtstag mit tiefen Zweifeln über sein Leben. Er ist schwul, in einer Beziehung mit Mimi (Michael Mittendorf), und ringt mit Fragen über Identität, Erfüllung und den Weg, den er gewählt hat. Seine Offenheit, sein Humor und seine Verletzlichkeit machen ihn zu einem authentischen und vielschichtigen Protagonisten.

Zino und Agata sind Zwillinge und haben eine enge, liebevolle Beziehung. Sie kennen einander tief und können offen miteinander sprechen. Agata spielt eine wichtige Rolle zu Beginn des Romans und gibt Zino den Anstoß für seine Reise. Ihre Geschwisterbeziehung ist von gegenseitigem Verständnis und Unterstützung geprägt.

Mimi ist Zinos Partner – eigentlich Michael Mittendorf, liebevoll Mimi genannt. Er wird als jemand beschrieben, der aussieht wie Aragorn, aber die Seele einer Holly Golightly hat – charmant, aber auch jemand, der Komfort und Luxus schätzt. Seine Beziehung zu Zino und seine Charaktereigenschaften spielen eine wichtige Rolle in Zinos inneren Konflikten und Entscheidungen.

Ja, neben Agata gibt es Verbindungen zu Figuren aus den vorherigen Bänden. Die Nullen-Reihe ist eine zusammenhängende Welt, in der die Geschichten der verschiedenen Protagonisten sich berühren und überschneiden. Diese Begegnungen sind für Fans der Reihe besonders bereichernd, aber nicht notwendig, um Zinos Geschichte zu verstehen.

Themen & Atmosphäre

Der Roman kreist um den 40. Geburtstag – die "Null" – und was sie bedeutet. Es geht um Lebensentscheidungen, die Suche nach Authentizität, die Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit und die Frage, ob man den richtigen Weg gewählt hat. Themen wie Identität, Beziehungen, Selbstakzeptanz und der Mut zur Veränderung stehen im Mittelpunkt.

Die Natur spielt eine zentrale Rolle. Zinos Reise führt ihn auf eine Wandertour durch die Alpen, weg von der Stadt und dem Alltag. Die Natur wird zum Ort der Reflexion, der Ruhe und der Selbstfindung. Der Roman ist durchzogen von atmosphärischen Naturbeschreibungen, die Zinos innere Reise widerspiegeln und verstärken.

Der Roman balanciert beides. Es gibt melancholische, nachdenkliche Momente, in denen Zino mit seinen Zweifeln und seiner Vergangenheit ringt. Aber es gibt auch Humor, Lebensfreude und Hoffnung. Die Geschichte zeigt, dass es möglich ist, sich mit schwierigen Wahrheiten auseinanderzusetzen und dabei trotzdem einen Weg nach vorn zu finden.

Zinos Homosexualität ist ein selbstverständlicher Teil seiner Identität, nicht das zentrale "Problem" der Geschichte. Der Roman behandelt seine sexuelle Orientierung mit Respekt und Natürlichkeit. Es geht um Zinos persönliche Reise als Mensch – seine Beziehung, seine Zweifel und seine Suche nach Authentizität sind universelle Themen, die jeden Menschen betreffen können.

Stil & Leseerlebnis

Band 3 hat einen ruhigeren, reflektierteren Ton als die ersten beiden Bände. Während Band 1 Agatas Abenteuer und Band 2 Marthas Roadtrip durch Andalusien zeigt, ist Band 3 introspektiver. Die Natur, die Einsamkeit und Zinos innere Gedankenwelt prägen den Stil. Es gibt mehr Raum für Beobachtungen, Stimmungen und poetische Naturmomente.

Der Roman ist eher ruhig erzählt, aber nicht langsam. Die "Action" spielt sich in Zinos Kopf ab – in seinen Begegnungen, seinen Erinnerungen und seinen Erkenntnissen. Die Wanderung durch die Natur gibt dem Erzähltempo einen meditativen Rhythmus. Es ist ein Roman zum Eintauchen, nicht zum Durchrasen.

Ja, definitiv. Zino hat einen trockenen, selbstironischen Humor, der auch in ernsten Momenten durchscheint. Seine Beobachtungen, seine inneren Dialoge und seine Interaktionen mit anderen Menschen haben oft einen humorvollen Unterton. Der Roman nimmt sich ernst, aber nicht zu ernst – Humor und Tiefe gehen Hand in Hand.

Der Roman spricht Menschen an, die sich mit Lebensfragen auseinandersetzen, die Natur lieben, die charaktergetriebene Geschichten schätzen und die bereit sind, sich auf eine introspektive Reise einzulassen. Er ist ideal für Leser*innen, die nach authentischen, vielschichtigen Figuren suchen und die Wert auf literarische Qualität legen.

Verbindung zur Nullen-Reihe

Alle drei Bände kreisen um das Gefühl, eine "Null" zu sein – übersehen, unwichtig oder am Rand zu stehen. Jeder Protagonist geht anders damit um: Agata auf ihrer Reise, Martha auf ihrem Roadtrip mit Agata durch Andalusien, Zino auf seiner Wanderung durch die Alpen. Die Reihe zeigt verschiedene Wege, mit diesem Gefühl umzugehen und die eigene Bedeutung zu finden.

Ohne zu spoilern: Zinos Geschichte findet einen Abschluss, der sowohl ehrlich als auch hoffnungsvoll ist. Der Epilog gibt Raum für Reflexion und zeigt, wohin Zinos Reise ihn gebracht hat. Es ist kein perfektes Happy End, aber ein authentisches Ende, das zur Geschichte passt.

Die chronologische Reihenfolge (Band 1, 2, 3) bietet das reichste Leseerlebnis, da man die Entwicklung der Figuren und ihre Verbindungen zueinander vollständig nachvollziehen kann. Aber jeder Band funktioniert auch eigenständig – man kann also mit Zinos Geschichte beginnen, wenn einen seine Perspektive besonders anspricht.

Der Titel spielt mit der Bedeutung der "Null" – dem 40. Geburtstag, aber auch dem Gefühl, nichts wert zu sein. "Die Null ist auch nur eine Zahl" deutet darauf hin, dass diese Zahl, dieser Meilenstein, diese Angst vielleicht gar nicht so wichtig ist, wie man denkt. Es geht um die Relativierung von Ängsten und die Erkenntnis, dass Zahlen und Labels nicht definieren, wer man ist.

Die Null ist auch nur eine Zahl  ·  Die Nullen-Reihe · Band 3

Trotzdem noch Fragen offen?

Schreib mir gern