E-Death - App ins Verderben
C. A. Raabe
Technologie-Thriller / Social-Media-Krimi
Einzelband
ab 16 Jahren
2 . Auflage, 2020
TB 333 Seiten
ISBN 978-3969665510
„E-Death“ ist ein Social-Media-Thriller, der im Jahr 2016 spielt und die Schattenseiten digitaler Identität und öffentlicher Sichtbarkeit auslotet. Der Roman verbindet kriminalistische Spannung mit Fragen nach Verantwortung, Selbstdarstellung und den Spuren, die Menschen online hinterlassen.
Triggerwarnung: Der Roman behandelt sensible Themen wie Kindesmisshandlung, Vernachlässigung, häusliche Gewalt, Suizid und Sterbehilfe. Die Darstellung dient der psychologischen Tiefe, kann aber für manche Leser belastend sein.
Berlin, Mai 2016. Eine rätselhafte Mordserie hält die Hauptstadt in Atem. Die Opfer haben scheinbar nichts gemeinsam – außer dass sie alle kurz vor ihrem Tod über eine mysteriöse App benutzt hatten.
Kriminaloberkommissar Marc Förster und die Ermittlungsgruppe stehen vor einem Rätsel. Während die Spuren im Sand verlaufen, entwickelt sich der Fall zu einem Wettlauf gegen die Zeit – denn die Person, die sie jagen, scheint nicht aus Hass zu töten, sondern aus Mitgefühl.
2009. Ein zwölfjähriges Kind erlebt, wie die Mutter stirbt und der Vater eine fatale Philosophie predigt: Liebe tötet. Was in dieser Nacht beginnt, wird Jahre später in einer Tragödie münden.
Zwei Erzählstränge, zwei Perspektiven – aber nur eine erschütternde Wahrheit über Trauma, Schuld und die dunkle Seite der Empathie.
Ein Psychothriller, der die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen lässt.
Frankfurter Lesemarathon 2018
Lesung aus Kapitel 1
Leseprobe
Die ersten beiden Kapitel der Geschichte
KAPITEL1
2009
Mein Leben endet, als ich gerade 12 Jahre alt geworden bin.
Ich bin im Garten hinter dem Haus und sortiere das Totholz, das ich heute Morgen aus dem angrenzenden Wald geholt habe, weil ich es zum Trocknen auslegen will. Die Luft ist kalt heute – man kann den sich heranschleichenden Winter schon erahnen. Bald werden wir alles Holz brauchen, das ich heranschaffen kann. Ich hoffe, dass Vater mit meiner Ausbeute zufrieden ist – wenigstens heute einmal.
Als hätte er meine Gedanken spüren können, schallt plötzlich seine Stimme durch das halb offene Fenster zu mir heraus.
»He, Nichtsnutz. Komm rein. Deine Mutter will dich sehen.«
Mutter! Bei diesem Wort stellen sich meine Nackenhaare spontan auf. Die Haut an meinen nackten Unterarmen beginnt, unangenehm zu kribbeln, so als ob eine Schar Insekten dort hin und her kriechen würde.
Nein, lass mich. Ich möchte lieber noch ein paar Klafter Holz sammeln, will ich zurückrufen. Aber ich drehe mich langsam um und trotte zum Haus. Ungehorsam mag Vater nicht. Ich weiß, was dann passiert.
»Mach schon. Wer weiß, wie lange sie noch hat.«
Seine Stimme empfängt mich, als ich zögernd durch die Eingangstür trete. Wie eine Stahlklammer umfasst sein Griff meine Schulter. Damit bugsiert er mich – schneller, als mir lieb ist – den Gang hinunter auf eine Tür zu. Eine Tür mit abblätterndem roten Anstrich. Die Tür, hinter der sie auf mich wartet.
Ich lege eine Hand auf die Klinke und drücke sie langsam hinunter. Kurz schaue ich über meine Schulter, in der Hoffnung, ein aufmunterndes Nicken zu sehen. Aber ich sehe nur den durchbohrenden Blick zweier stahlblauer Augen in seinem hageren Gesicht.
Also trete ich ein.
Wärme schlägt mir aus dem halbdunklen Zimmer entgegen. Wärme und der Geruch. In diesem Moment wird mir bewusst, dass ich vor Anspannung die Luft angehalten hatte, als ich vor der Tür stand. Also muss ich nun Luft holen, ob ich will oder nicht. Ich versuche, es schnell hinter mich zu bringen und nehme einen kurzen tiefen Atemzug. Sofort wird mir von dem Gestank speiübel.
Warum kann ich denn nicht einmal etwas richtig machen? Ich hätte mir die Nase zuhalten sollen.
Aber jetzt ist es zu spät. Mühsam gegen den Würgereiz ankämpfend taste ich mich an der Wand entlang und versuche dabei, flach zu atmen.
Das wird schon wieder, sage ich mir. Der Mensch gewöhnt sich an alles.
»Bist du das, Liebling?«
»Ja, Mutter. Ich bin’s. Wie geht es dir?«
»Blendend, mein Herzblatt«
antwortet sie mit einer röchelnden Stimme, die das Gesagte Lügen straft. »Komm doch her und setze dich ein bisschen zu mir.« Darauf folgt ein Hustenanfall, der nicht enden zu wollen scheint. Ihr Gesicht läuft dunkelrot an.
Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass es auch ihr letzter sein kann. Bin ich ängstlich? Erleichtert? Ich kann es nicht sagen.
Doch dann ist er vorüber. Ihr nun wieder blasses, teigiges Gesicht verzieht sich zu einem Lächeln. Ich zumindest weiß, dass es ein Lächeln sein soll, denn in den letzten vier Jahren hatte ich genug Gelegenheit, mir jede ihrer Regungen einzuprägen. Ich brachte ihr Essen und habe ihr vorgelesen. Als sie noch in der Lage war, sich zu bewegen, habe ich ihr bei der Körperpflege geholfen. Aber das ist lange her. Nun liegt sie nur noch auf ihrem Lager. Mehr lässt ihr schieres Gewicht nicht zu. Und ich kann nichts dagegen tun.
Mit einer kaum merklichen Bewegung ihrer Finger winkt sie mich zu sich heran.
Ich trete näher. Inzwischen habe ich mich tatsächlich an den Geruch gewöhnt – einer Summe aus Schmutz, Schweiß und den Ausdünstungen ihrer schwärenden Wunden. Neben dem Lager, das nur aus auf dem Boden liegenden Matratzen und einigen Decken besteht, lasse ich mich nieder.
Die fleischigen Arme meiner Mutter heben sich ein wenig, so dass ich mich an sie anlehnen kann. Dann fallen sie wieder herunter und begraben mich fast unter sich.
Eine ganze Stunde sitzen wir so da, während sie mir Dinge erzählt, die ich schon kenne, und andere Dinge, die ich niemals wissen wollte. Zwischendurch gibt sie mir immer wieder zu verstehen, dass ich ihr etwas Essbares in den Mund stecken soll. Selbst dazu ist sie nicht mehr allein in der Lage. Schließlich dämmert sie weg. Ich bemerke es nur daran, dass die beständige Aufforderung zur Hilfe bei der Nahrungsaufnahme unterbleibt.
Mühevoll winde ich mich aus ihrer Umarmung. So schnell es mir möglich ist, verlasse ich diesen Albtraum eines Zimmers. Als ich die Tür hinter mir geschlossen habe, muss ich mich kurz dagegen lehnen, so sehr hat die vergangene Stunde an mir gezehrt.
»Ich kann das nicht mehr«
denke ich. Oder habe ich es laut gesagt?
In diesem Moment wird mir klar, dass er direkt vor mir steht. Mein Vater. Er sieht mich mit forschendem Blick an. Ein weiteres Mal überlege ich fieberhaft, ob ich gesprochen oder gedacht habe.
»Möchtest du dich einen Moment ausruhen?«
fragt er mich mit einer weichen Stimme, die ich noch nie von ihm gehört habe.
Überrascht blicke ich ihn an. Auch in seinen Augen sehe ich nicht die übliche Härte und Strenge.
»Nein, danke Vater«
erwidere ich perplex.
»Ich glaube, ich brauche noch etwas frische Luft.«
»Dann tu das. Geh nach draußen. Vielleicht kannst du noch nach etwas mehr Holz im Wald suchen.«
Mit offenostehendem Mund schaue ich ihn an und nicke abwesend. Dann setze ich mich in Bewegung und gehe nach draußen. Dort überlege ich kurz, ob ich zuerst noch die bereits gesammelten Äste zu Ende sortieren soll, aber ich will hier weg.
Also mache ich mich auf den Weg zum Wald. Die ganze Zeit über kreisen meine Gedanken um das seltsame Verhalten meines Vaters.
Ist etwas geschehen, das diese Veränderung bei ihm bewirkt hat?
Oder habe ich es mir in meiner Erschöpfung nur eingebildet?
Kurz bevor ich den Wald erreiche, höre ich einen Knall. Ich zucke nicht einmal zusammen. Es gibt viele offizielle Jäger hier im Wald – von den Wilderern ganz abgesehen. Eigenartig kommt es mir nur vor, dass das Geräusch nicht aus dem Wald, sondern von hinter mir zu kommen schien.
Das Suchen nach Holz dauert lange – immerhin habe ich den nahe zu unserem Haus liegenden Teil des Waldes bereits abgesucht. Aber ich habe das Gefühl, dass mich die Tätigkeit befreit – zumindest meinen Geist, den ich herumwandern lasse, genauso, wie es meine Füße auf dem Waldboden tun. Doch irgendwann gehe ich nicht mehr weiter, da ich weiß, dass ich das gesammelte Paket ja auch wieder nach Hause schaffen muss.
Als ich aus dem Unterholz hervortrete, sehe ich ein Auto vor dem Haus stehen. Eigenartigerweise ist es über und über beladen. Selbst der Anhänger sieht bis zum Platzen gefüllt aus. Ich trete näher, um mir das Ganze genauer zu betrachten. Da sehe ich Vater aus der hinteren Tür treten.
Eben will ich mich dazu aufraffen, ihn zu fragen, was es mit dem Auto auf sich hat. Er mag es nicht, wenn ich ungefragt rede – von Fragen ganz zu schweigen.
Da höre ich einen gedämpften Knall aus dem Haus, der von einem seltsam vertrauten Brausen gefolgt wird. In dem Moment, als mein Gehirn dem Geräusch eine Bedeutung zuordnet, schlagen die ersten Flammen aus der offenen Tür. Fassungslos starre ich auf das Inferno, das nun auch hinter den Fenstern lodert.
Mit einem Aufschrei renne ich auf die Tür zu.
Meine Sachen, Rex unser Hund, Mutter!
Vater streckt einen seiner sehnigen Arme aus, als ich gerade an ihm vorbeistürmen will, und ich bleibe daran hängen. Der Aufprall presst die wenige Luft, die sich noch in meinen Lungen befindet, heraus.
»Es ist alles in Ordnung. Alles, was du brauchst, ist schon im Wagen.«
Bis seine Worte weit genug in meinen Verstand dringen, um auch nur ansatzweise einen Sinn zu ergeben, sehe ich ihn verständnislos an.
»Mama … Rex«
keuche ich atemlos.
»Rex sitzt im Wagen und deine Mutter hat es überstanden.«
Wieder dauert es eine Ewigkeit, bis ich meine, zu verstehen. Mit aufgerissenen Augen starre ich in sein Gesicht. Dort erkenne ich aber nichts von dem verständnisvollen Zug, den es vorhin noch hatte.
Ohne eine Spur von Bedauern in der Stimme sagt er: »Ich habe deine Mutter von ihrem Leid erlöst. An der Situation, in die sie sich selbst gebracht hat, wäre nichts mehr zu ändern gewesen. Auch du hast vorhin gesagt, dass es so nicht mehr weitergeht.«
»Ich habe … ich hab doch nicht …«, beginne ich, aber er fährt mir über den Mund.
»Was fällt dir ein, zu sprechen, ohne dass du dazu aufgefordert wurdest?!«
Doch dieses Mal kennt meine Seele kein Halten. Mit sich überschlagender Stimme schreie ich Worte, die ich niemals im Leben wieder zurücknehmen kann. Ich trete um mich, schlage, versuche zu kratzen. Aber nichts davon scheint Vater zu erreichen. Ein eiskaltes Lächeln umspielt seinen Mund, während er mich an seinem ausgestreckten Arm zappeln lässt.
Ein weiterer Knall, diesmal wesentlich lauter, lässt uns beide zusammenfahren. Das Fenster zur Linken explodiert in einem Feuerball.
Mutters Zimmer!
Vater hat mich aus seinem Griff verloren, und ich plumpse zu Boden. Sofort springe ich auf. Ich versuche, doch noch ins Haus zu gelangen. Obwohl der Feuerball mir alles darüber hätte sagen sollen, was sich im Innern des Zimmers abspielt, habe ich die irrwitzige Hoffnung, dass ich nur schnell genug sein muss, um sie noch retten zu können.
Ich bin fast an der Tür, als mich eine Hand am Sweatshirt packt und brutal zurückreißt. Auf dem Boden liegend blicke ich nach oben in Vaters Augen, die wieder ihren stählernen Glanz angenommen haben.
»Jetzt hör mal zu, Nichtsnutz. Ich weiß eigentlich gar nicht, warum ich dich nicht einfach da hinein werfe und dich deinem Schicksal überlasse. Du hast noch eine Chance. Steig jetzt in den Wagen und halt verdammt noch mal den Mund.«
Benommen rappele ich mich auf. Ich stolpere auf das Auto zu. Jetzt wird mir auch die infernalische Hitze bewusst. Wenn ich sie sogar hier draußen so schmerzhaft spüren kann, dann muss es im Haus noch viel schlimmer sein. In diesem Moment wird mir klar, dass dort drinnen nichts und niemand mehr ist, dem ich noch helfen könnte.
Vater ist schon an mir vorbeigegangen und steht an der geöffneten Autotür.
»Jetzt mach schon. Wenn das Feuer den Gastank erreicht, dann bleibt hier kein Stein auf dem anderen.«
Als ob diese Worte ein Startschuss wären, renne ich los und springe in den Wagen hinein.
»Na bitte. Geht doch. Vielleicht ist mit dir ja doch noch etwas anzufangen«
bemerkt Vater mit einem grimmigen Lächeln auf den Lippen.
Er startet den Motor und gibt Gas. Trotz des Gewichts all der Dinge, die in ihm und auf dem Anhänger gestapelt sind, macht das Auto einen Satz. Es fliegt fast auf den Waldrand zu, ganz in der Nähe von dem Punkt, wo ich vor ein paar Minuten den Schutz der Bäume verlassen habe.
Oder war es in einem anderen Leben?
Wir halten auf einen Forstweg zu, der vom Regen der letzten Tage völlig aufgeweicht ist. Die breiten Reifen des Geländewagens pflügen durch den fast flüssigen Schlamm. Zu allen Seiten spritzt er davon, scheint sich hinter uns aber wieder zu schließen, so als ob er unsere Flucht verbergen wollte.
Ich kauere auf der Rückbank und schaue verzweifelt durch das Heckfenster auf das Haus, in dem ich mein ganzes Leben verbracht habe. Kurz bevor mir die Bäume zu beiden Seiten des Weges die Sicht darauf verdecken, wird es von einer gewaltigen Explosion in tausend Stücke zerfetzt.
Zusammen mit ihm höre auch ich auf zu existieren.
KAPITEL2
3. MAI 2016
»Nein«, keuchte Marc. »Nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein …! Verdammte Sch…! Ich glaub, ich hab das Internet gelöscht.«
Aus dem Augenwinkel konnte er erkennen, wie seine Tochter ihren Kopf mit der wilden braunen Lockenpracht aus dem Flur in die Küche streckte, wo er tief über den Tisch gebeugt saß, an dem sie morgens frühstücken. Ein Blick auf ihn schien ihr zu genügen, um die Dringlichkeit der anstehenden Aufgabe klar zu machen.
»Ach, Papi«, sagte Lina, während sie zu ihm humpelte. Sie war anscheinend gerade dabei gewesen, sich ihre Stiefel anzuziehen, denn einer davon baumelte noch von ihrer linken Hand herab.
Er stand auf und schüttelte das Gerät frustriert. »Wie zur Hölle soll mich so ein Ding zu einem besseren Polizisten machen?«
»Lass mal schauen«
bemerkte sie in einem geschäftsmäßigen Tonfall, nachdem sie ihm das Objekt des Anstoßes aus der Hand geschnappt hatte. Sie tippte und wischte einen Moment lang auf dem Display des brandneuen Modells herum, das erst vor ein paar Tagen seinen Vorgänger ersetzt hatte. Schnell hatte sie gefunden, was sie suchte.
»Schau mal. Du hast wohl nur ein bisschen zu lange auf das Icon gedrückt. Dann lässt es sich verschieben. Da ist es in dem Ordner für die Apps gelandet, die du nicht brauchst.«
»Aber das Internet brauche ich doch«
begehrte Marc auf.
»Ja, is schon klar. Das ist ja auch nur aus Versehen passiert. So, ich ziehe es dir wieder heraus auf deinen Homescreen.«
»Würde es dir etwas ausmachen, Deutsch mit mir zu reden? Du weißt doch, dass dieser ganze Technik-Kram nicht mein Ding ist.«
Lina lächelte ihrem Vater zu. »Ist gut, Paps«, sagte sie. Nach einer kurzen Pause ergänzte sie in einem beiläufigen Tonfall: »Wenn du doch eh nicht damit klarkommst, vielleicht solltest du dir besser doch wieder so ein Anrufhandy zulegen.«
Aber ihre Taktik fruchtete bei dem erfahrenen Ermittler nicht.
»Und das hier gebe ich dann wem?«
fragte er mit einem Gesichtsausdruck, der erkennen ließ, dass er wusste, was jetzt kam.
»Jemandem, der etwas damit anfangen kann.«
»Also dir.«
Lina setzte ihr entwaffnendstes Lächeln auf.
»Sorry, Schatz«, sagte Marc und brachte es fertig, tatsächlich etwas wie Bedauern in seiner Stimme anklingen zu lassen. »Du weißt, dass ich lieber früher als später nichts mehr mit diesen Dingern zu tun hätte, aber das ist ein Diensthandy. Das kann ich dir nicht einfach geben. Im Prinzip gehört es ja nicht mir, sondern der Stadt Berlin, die es mir nur freundlicher- oder in meinem Fall wohl eher gemeinerweise zur Verfügung stellt.«
Lina fuhr fort, sich ihren zweiten Stiefel anzuziehen.
»Was denn, keine Widerwehr?«
Marc zog eine Augenbraue hoch.
»Ach weißt du, ich glaub, ich werde langsam erwachsen.«
»Und damit alt genug, ein Smartphone zu bekommen.«
»Das hast du gesagt«
meinte Lina augenzwinkernd.
In diesem Moment begann das Gerät in seiner Hand in voller Lautstärke den Song »Bad Boys« von »Inner Circle« zu spielen. Fast hätte er es daraufhin fallen lassen.
* * *
Vierzig Minuten später stieg Marc aus seinem Dienstwagen und ging einen breiten Sandweg entlang, der in einen Park führte. Rings um ihn her sprosse das frische Grün aus den Zweigen der Bäume. Narzissen, Tulpen und auch die ersten Pfingstrosen zauberten bunte Tupfen in die Umgebung. Die Luft war angenehm frisch. Der Sonne, die an einem fast wolkenlosen Himmel stand, gelang es, durch ihre Strahlen seinen Rücken mit angenehmer Wärme zu überziehen. Alles in allem war dies eine Szenerie, die förmlich danach rief, sie in sich aufzusaugen und zu genießen.
Ihm stand im Moment jedoch ganz und gar nicht der Sinn nach Genuss. Er bemerkte die Schönheit um ihn herum nicht einmal, da er auf dem Weg zu einem Tatort war. Schon von weitem konnte er die AbsperrBänder sehen, die die Kollegen von der Spurensicherung bereits gespannt hatten. Er wappnete sich innerlich für den Anblick, der sich ihm gleich bieten würde. Selbst nach all den Jahren im Polizeidienst und einigen davon im Dezernat für Gewaltverbrechen konnte er sich einfach nicht daran gewöhnen, unter welch fürchterlichen Umständen das Leben mancher Menschen ein Ende fand.
Als Marc unter der Absperrung hindurchgegangen war, erhaschte er einen ersten Blick auf das, was vor ihm auf dem Boden lag. Spontan wusste er, dass alles Wappnen bei dem Anblick, der sich ihm bot, nichts nützen würde. Im ersten Augenblick schoß ihm Lina! durch den Kopf. Dann jedoch ließ der Schreck nach.
Die Tote hatte unter einem Mantel aus schwarzem Lackleder etwas an, was in den feuchten Träumen mancher Männer vermutlich als Schulmädchen-Kostüm bezeichnet werden würde: ein extrem kurzer dunkelblauer Falten-Minirock, Lackschuhe mit weißen Kniestrümpfen und eine Matrosenbluse, die ebenfalls einmal weiß gewesen war. Nun hatte sie zum großen Teil die häßlich rot-bräunliche Färbung von angetrocknetem Blut.
»Ja, Mann, das ist heftig«
erklag Mikes Stimme hinter Marc.
»Das kannst du aber richtig laut sagen. Wie ich sowas hasse. Das arme Ding. Hast du schon irgendwas rausbekommen?«
»Na ja, aus den Zeugen, die sie gefunden haben, ist nicht viel herauszubringen gewesen. Kein Wunder bei dem Schreck, den sie bekommen haben. Ich mein: Stell dir mal vor, du willst einfach nur mit deiner Freundin nen kurzen Lauf durch den Park machen, bevor du zur Arbeit fährst. Dann biegst du um ne Ecke und siehst das hier.«
»Jo, kann ich nachvollziehen.«
»Aber die Papiere haben uns das eine oder andere erzählt. Cindy Sommer heißt sie, 25 Jahre, wohnt in Pankow. Außer dem Ausweis hatte sie noch ein paar Kassenzettel aus ihrer Wohngegend, ne BVG-Karte, ein paar Visitenkarten und 375,26 Euro in ihrem Portemonnaie.«
Marc pfiff durch die Zähne. »Okay, dann können wir Raub als Motiv wohl ausschließen.«
»Sieht so aus. Wollen wir dann erst mal zurück in die Dienststelle?«
»Glaub schon. Die Jungs von der SpuSi haben das ja alles im Griff. Wenn’s keine offensichtlichen weiteren Zeugen gibt, dann können wir uns dort weitere Gedanken machen.«
★ ★ ★
Was verbindet diese zwei Welten?
Wer steckt hinter den Morden – und warum?
E-Death gibt die Antwort
Häufige Fragen zum Roman
E-Death — Fragen & Antworten
Spoilerfreie Informationen für Leserinnen und Leser, Buchhandlungen und Medien.
Aufbau & Erzählweise
Die Ich-Perspektive ermöglicht tiefe Einblicke in die psychologische Entwicklung der zentralen Figur und schafft Empathie für eine moralisch ambivalente Person — auch dann, wenn deren Handlungen schockieren.
Die Er-Perspektive liefert den klassischen Krimi-Rahmen und erzeugt Spannung durch das Aufeinandertreffen von Ermittlung und dem Vorwissen, das der Leser aus der Ich-Erzählung trägt.
Zusammen formen beide Stränge eine mehrdimensionale Erzählung, die sowohl das Warum als auch das Wie beleuchtet — und dabei keine einfachen Antworten liefert.
Der Roman wechselt zwischen zwei Zeitebenen: Die Ich-Perspektive beginnt 2009 und folgt chronologisch die Entwicklung der zentralen Figur über mehrere Jahre.
Die Er-Perspektive spielt vollständig im Mai 2016 und zeigt die aktuellen Ermittlungen. Im Verlauf der Geschichte nähern sich beide Zeitebenen immer weiter an, bis sie schließlich zusammentreffen.
Weitgehend ja — aber der Schwerpunkt verschiebt sich im Verlauf des Romans zunehmend auf die Gegenwartshandlung. Die Kapitel aus der Vergangenheit werden seltener, liefern jedoch in entscheidenden Momenten die Schlüsselinformationen, die das Geschehen der Gegenwart erst vollständig verständlich machen.
Der Roman enthält einen Epilog, der am 26. Juni 2016 spielt. Er führt lose Enden zusammen und gibt einen Ausblick auf die Zukunft der Figuren — ohne dabei auf einen weiteren Band zu vertrösten.
Figuren & Beziehungen
Iva ist die innere Stimme der zentralen Ich-Figur, die sich im Laufe einer traumatischen Entwicklung herausgebildet hat. Iva repräsentiert möglicherweise eine dissoziative Identitätsstörung oder eine extreme Form innerer Selbstgespräche als Bewältigungsmechanismus.
Iva treibt die Hauptfigur zu Handlungen an und liefert Rationalisierungen für deren Verhalten — oft mit einer inneren Logik, die erschreckend konsequent ist.
Marc Förster ist Kriminaloberkommissar bei der Berliner Ermittlungsgruppe „Schlächter" und das Zentrum der Er-Perspektive. Er ist alleinerziehender Vater einer 16-jährigen Tochter, pragmatisch, aber nicht ohne Empathie — und technologisch hoffnungslos überfordert.
Seine Stärke liegt weniger in digitalen Fähigkeiten als in einem feinen Gespür für Menschen und Zusammenhänge, das im Verlauf der Ermittlungen zunehmend gefordert wird.
Lina ist Marcs 16-jährige Tochter — empathisch, intuitiv und intensiv in der digitalen Welt zuhause. Sie wird unfreiwillig in den Fall hineingezogen und entwickelt dabei eine Beziehung zur Ich-Erzähler-Figur, die für die Handlung entscheidend wird.
Die Beziehung zwischen Vater und Tochter ist eines der warmherzigsten Elemente des Romans und dient als emotionaler Gegenpol zur düsteren Haupthandlung.
Nora ist Marcs Kollegin und bringt analytische Schärfe in die Ermittlungen. Sie fungiert als Korrektiv für Marcs gelegentlich intuitive Vorgehensweise und scheint auch privat eine wichtige Rolle in seinem Leben zu spielen.
Vom misshandelten 12-jährigen Kind entwickelt sich die Figur zu einem hochintelligenten, aber psychisch tief verletzten jungen Menschen. Die Geschichte zeigt nachvollziehbar, wie traumatische Erlebnisse — besonders die fatale Philosophie des Vaters und der Tod der Mutter — eine Persönlichkeit formen können.
Die Entwicklung ist eine Gradwanderung zwischen dem aufrichtigen Versuch, Gutes zu tun, und der zunehmend destruktiven Umsetzung dieser Absicht.
Inhaltliche Schwerpunkte
Der Vater vertritt eine nihilistische Weltanschauung, in der Liebe nicht als schützende, sondern als zerstörerische Kraft gilt — kurz: „Liebe tötet."
Er handelt nach dieser Überzeugung und prägt das Kind von früh an mit dieser verzerrten Sicht auf Fürsorge, Verlust und Erlösung. Was im Roman als extremer Einzelfall erscheint, stellt grundlegende ethische Fragen: Was bedeutet es, jemandem Gutes zu wollen?
„DoD" ist eine fiktive Social-Media-Plattform — möglicherweise als Abkürzung für „Diary of Death" zu verstehen — auf der Nutzer persönliche Gedanken, darunter möglicherweise auch Todeswünsche, öffentlich oder halböffentlich teilen.
Die App ist das digitale Bindeglied zwischen der Ich-Erzähler-Figur und deren Opfern und steht exemplarisch für die Gefahren, die entstehen, wenn reale Verletzlichkeit in unkontrollierten digitalen Räumen sichtbar wird.
Der Roman hinterfragt kritisch, wer das Recht hat, über Leben und Tod zu entscheiden. Der fehlgeleitete Altruismus der Ich-Figur zeigt die Gefahren einer selbst ernannten Erlösungsinstanz, die ohne echtes Verständnis für die Situation anderer Menschen handelt.
Sterbehilfe wird dabei weder verherrlicht noch pauschal verurteilt — die Geschichte nutzt das Thema, um moralische Grenzen auszuloten und die Frage zu stellen, was Fürsorge von Kontrolle unterscheidet.
Technologie wird ambivalent dargestellt: Als Werkzeug für Verbindung und Freundschaft auf der einen Seite, als Instrument für Manipulation, Ortung und Überwachung auf der anderen.
Der Roman zeigt, wie die digitale Welt reale Konsequenzen erzeugt — und dass Anonymität im Netz keine Sicherheit bedeutet, sondern auch zur Falle werden kann.
Ja. Der Roman thematisiert mehrere gesellschaftliche Versäumnisse:
- Das Versagen von Kinderschutz und Behörden
- Lücken in der psychischen Gesundheitsversorgung
- Die Oberflächlichkeit und Gefährlichkeit unregulierter Social-Media-Räume
- Bürokratische Hürden in der Polizeiarbeit
Die Kritik wird nie mit dem Holzhammer serviert, sondern ergibt sich organisch aus den Lebensläufen der Figuren.
Einordnung & Vergleiche
Nein — „E-Death" ist kein klassischer Whodunit-Krimi, bei dem die Identität der tatausführenden Person das große Geheimnis ist. Stattdessen handelt es sich um einen Psychothriller, bei dem der Leser früh über grundlegende Zusammenhänge informiert wird.
Die Spannung entsteht aus der Frage, ob und wie die Ermittler rechtzeitig handeln können — und aus dem zunehmend beunruhigenden Verständnis der psychologischen Hintergründe.
Gewalt wird deutlich, aber nicht reißerisch dargestellt. Die Schilderungen dienen der psychologischen Charakterentwicklung, nicht dem Schockeffekt. Leser sollten jedoch darauf vorbereitet sein, dass sowohl Kindesmisshandlung als auch die Gewalt an den Opfern der Mordserie nicht ausgeblendet werden.
Empfohlen ab 16 Jahren. Der Roman eignet sich besonders für Leserinnen und Leser, die:
- Psychologisch komplexe Thriller schätzen
- Charaktertiefe über schlichtes Handlungstempo stellen
- Gesellschaftskritische Themen in fiktionaler Form mögen
- Keine eindeutigen Gut-Böse-Schemata erwarten
Triggerwarnung: Der Roman behandelt Kindesmisshandlung, Vernachlässigung, häusliche Gewalt, Suizid und Sterbehilfe.
Wer folgende Autoren schätzt, wird mit „E-Death" auf seine Kosten kommen:
- Sebastian Fitzek — psychologische Spannung, komplexe Täterfiguren
- Charlotte Link — gesellschaftskritische Krimis mit Charaktertiefe
- Andreas Gruber — düstere Atmosphäre, moralische Ambiguität
- Petra Hammesfahr — Fokus auf beschädigte Persönlichkeiten
- Nele Neuhaus — psychologische Tiefe im deutschsprachigen Krimi
Schauplätze & Atmosphäre
Die Gegenwartshandlung(2016) spielt hauptsächlich in Berlin und dem Berliner Umland. Die Rückblenden führen in eine ländliche, isolierte Gegend — vermutlich Brandenburg — und erzeugen einen starken Kontrast zur urbanen Gegenwart.
Der Wald ist eines der zentralen Motive des Romans. In der Kindheit der Ich-Figur ist er Rückzugsort und Versorgungsquelle — das Holzsammeln ist die einzige Tätigkeit, bei der etwas wie Freiheit spürbar wird.
In der Gegenwartshandlung kehrt der Wald als Schauplatz wieder und wird zur Zone der Konfrontation. Er symbolisiert die Grenze zwischen Zivilisation und dem, was jenseits gesellschaftlicher Kontrolle liegt.
Ja — reale Berliner Strukturen wie das LKA, Stadtteile und bekannte Institutionen kommen vor und verankern die Handlung glaubwürdig in der Stadt. Einzelne Details sind fiktionalisiert, aber der Realismus des Settings ist durchgehend spürbar.
Inhalt ohne Spoiler
Der Roman erzählt zwei Geschichten parallel: die Kindheit und Entwicklung einer Figur, die nach jahrelangem Trauma zu einem Menschen wird, der andere aus vermeintlichem Mitleid tötet — und die Berliner Ermittlungen des Kriminaloberkommissars Marc Förster, der diese Mordserie aufklären soll.
Beide Stränge laufen auf eine Begegnung zu, bei der auch Marcs Tochter Lina in die Ereignisse hineingezogen wird.
Der Roman öffnet mit dem ersten Satz der Ich-Erzählung: „Mein Leben endet, als ich gerade 12 Jahre alt geworden bin." — und entfaltet von dort aus eine Kindheit, die von Isolation, Pflege einer schwerkranken Mutter und einem Vater geprägt ist, dessen Weltbild fatale Konsequenzen hat.
Parallel dazu beginnt die Ermittlungsgeschichte mit dem ersten Tatort in Berlin im Mai 2016.
Ja — der Roman enthält mehrere Wendungen in Bezug auf Verbindungen zwischen den Charakteren, die wahren Hintergründe einzelner Taten und die schrittweise Enthüllung der Vergangenheit der zentralen Figur. Eine zentrale Überraschung betrifft eine Information, die der Leser bis zu einem bestimmten Punkt bewusst nicht erhält.
Der Epilog schließt sowohl die Kriminalhandlung als auch die persönlichen Geschichten der Figuren ab. Es gibt keine bewusst offen gelassenen Handlungsfäden im Sinne eines Cliffhangers — aber die moralischen Fragen des Romans bleiben beim Leser und lassen sich nicht einfach zuklappen.
Sprache & Leseerfahrung
Sprachlich anspruchsvoll, aber gut zugänglich. Die Ich-Perspektive ist poetischer und introspektiver, die Ermittler-Perspektive flüssiger und dialogreicher. Beide Stile ergänzen sich und bieten innerhalb des Romans Abwechslung im Leserhythmus.
Durch innere Monologe (kursiv gesetzt), Dialoge mit der inneren Stimme „Iva", dissoziative Momente und das detaillierte Nachzeichnen traumatischer Erlebnisse. Die Darstellung ist literarisch, aber psychologisch nachvollziehbar.
Auch Marcs innere Selbstgespräche — ebenfalls kursiv — durchziehen die Ermittler-Kapitel und geben dem Leser direkten Zugang zu seinem Denkprozess.
Ja — besonders in den Szenen zwischen Marc und seiner Tochter Lina sowie in den Dialogen mit seinen Kollegen. Marc Försters technische Hilflosigkeit ist eine verlässliche Quelle leiser Komik. Diese Momente sind bewusst als Kontrapunkt zur düsteren Haupthandlung gesetzt und machen die Figuren nahbarer.
Es wird authentischer Polizeijargon verwendet (EG, KOK, LKA, SpuSi u. a.), der jedoch fast immer aus dem Kontext heraus verständlich ist. Leser, die mit deutschsprachigen Krimis vertraut sind, werden sich sofort zurechtfinden.
Entstehung & Ausgaben
Die Erstveröffentlichung 2017 erschien unter dem Pseudonym C.A. Raaven, um das Kriminalwerk von den Werken im Fantastik-Genre klar zu trennen. 2020 folgte eine überarbeitete Neuauflage unter dem bürgerlichen Autorennamen C.A. Raabe — mit dem Ziel, die Publikationen unter einer einheitlichen Autorenmarke zu bündeln.
Die überarbeitete Fassung umfasst sprachliche Verfeinerungen, präzisere Zeichensetzung sowie stilistische Glättungen. Die Kernhandlung und die Struktur des Romans blieben erhalten — es handelt sich um eine Überarbeitung, nicht um eine inhaltliche Neufassung.
Der Roman schließt seine Haupthandlung eigenständig ab. Die Figuren — insbesondere Marc Förster und sein Umfeld — bieten theoretisch eine Grundlage für weitere Geschichten, doch ist aktuell keine Fortsetzung angekündigt.
Beide Bereiche wirken recherchiert und stimmig. Die Polizeiarbeit — mit realistischen Hierarchien, behördlichen Hürden und Ermittlungsroutinen — verleiht dem Krimi-Strang Glaubwürdigkeit. Die psychologische Darstellung von Trauma, Dissoziation und ihren Langzeitfolgen folgt nachvollziehbaren Mustern, auch wenn sie literarisch verdichtet ist.



