Appletree Murders1

Paranormal Cosy Crime mit Geistern und sprechenden Tieren

Leseprobe

Appletree Murders - Fudge, Vermächtnis und Verderben

C.C. Ravenmiller

Paranormal Cosy Crime / Urban Fantasy

Appletree Murders, Band 1

ab 13 Jahren

1 . Auflage, 2024

TB 250 Seiten

ISBN 9783910843172

"Du hast eine Tote beklaut? 

Ich kann den Fudge auch wieder nehmen, wenn du moralische Bedenken hast, sagte ich gereizt und griff nach der Tüte, doch Sam brachte sie blitzschnell außerhalb meiner Reichweite."

Lust auf mehr?

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Erst einmal zur Leseprobe

Ach, und übrigens: Wenn du das Taschenbuch lieber im Buchladen bei dir um die Ecke bestellen möchtest - kein Problem. Mit der ISBN oben in der Übersicht sollte das klappen.

Tot sein ist eines. Aber als Geist in der eigenen Küche festzustecken, während der Mörder frei herumläuft? Das geht zu weit.


Granny Smith hat ihr Leben der perfekten Fudge-Kreation gewidmet. Bis eine gusseiserne Pfanne ihrem irdischen Dasein ein jähes Ende setzt. Doch der Tod ist nicht das Ende – im Gegenteil. Als körperloser Geist an ihren leblosen Körper gebunden, muss sie hilflos zusehen, wie die inkompetente Dorfpolizei ihren Mord als Unfall abtut.


Ihre einzige Hoffnung? Jona Gold, eine chaotische Lokalreporterin mit Hang zu spontanen Entscheidungen und einem überängstlichen Hund. Eigentlich wollte Jona nur Fudge kaufen – stattdessen stolpert sie über eine Leiche und damit in die komplizierte Welt zwischen Leben und Tod.


Gemeinsam mit Alaistair, einem mysteriösen schwarzen Kater mit fragwürdiger Loyalität, müssen die ungleichen Ermittlerinnen einen Mörder aufspüren. Doch in dem beschaulichen Küstenstädtchen Fowey hat jeder etwas zu verbergen. Und Granny läuft die Zeit davon – denn was passiert mit einem Geist, wenn der Mord nie aufgeklärt wird?


Ein charmant-makabre Cozy Mystery über Fudge, Freundschaft und die Tatsache, dass der Tod manchmal nur der Anfang ist.

Leseprobe

Ausschnitte aus Szenen der Geschichte.


SZENE1

Fassungslos

Granny


Du liebe Güte, das war unerwartet. Erst dieser Schmerz und dann dieses ... Nichts.

Granny Smith erhob sich langsam vom Boden ihrer Küche und schaute sich um.

Es war immer noch alles da, wo es sein sollte. Die Kupfer-Pfanne ruhte mit einer ordentlichen Portion Butter ausgekleidet auf dem Arbeitstisch. Die Rührschüssel wartete direkt daneben und war bereits richtig temperiert. Rundherum standen die Ingredienzen für die Mischung, die sie heute machen wollte, in kleinen tönernen Schälchen bereit. Und aus dem Topf auf dem Herd begannen sich schon die ersten Aromen von Schokolade und Vanille rundherum auszubreiten.

Was nicht zu sehen war, war ein Grund dafür, dass sie die Vorbereitungen für ihre heutige Kreation unterbrochen hatte, um zu Boden zu fallen.

Und was, um Himmels Willen, ist das für ein Geruch?

Granny kannte sämtliche Gerüche, die es in ihrer Zucker-Küche zu riechen gab. Immerhin werkelte sie dort täglich, seit sie die kleine Fudge-Manufaktur vor dreiundzwanzig Jahren von ihrer Mutter übernommen hatte. Und dieser gehörte auf keinen Fall hierher.

Hmm, das Aroma ist geradezu metallisch ... aber Pfanne und Topf können es nicht sein. Die sind ja aus Kupfer und das hier ist eher ... Oh!

Während sie dem unerwünschten Geruch nachgespürt hatte, war ihr Blick suchend umhergeschweift und an einer Gestalt angekommen, die immer noch dort auf dem Boden lag, wo sie eben aufgestanden war. Einer Gestalt, die mit dem gleichen geblümten Kleid und der weißen Schürze bekleidet war, die auch sie heute Morgen angezogen hatte. Das Einzige, das diese Gestalt definitiv von ihr selbst unterschied, war der große Fleck anscheinend bereits trocknenden Blutes, der das silbrige Grau ihrer Haare am Hinterkopf verunzierte.

Bei meiner Seele, bin ich das?

Granny beugte sich zu der still Daliegenden hinunter und fragte sich dabei, warum sie keinerlei Angst verspürte, ja nicht einmal den Wunsch, diesen Ort zu verlassen.

Wozu sollte es nützen, wegzulaufen?, brachte sie sich schließlich zur Räson. Wenn ich mich von außen sehen kann, ohne dafür mit den Pilzen aus Mutters Vorrat eine Astralprojektion zu benutzen, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich nicht mehr unter den Lebenden weile, doch recht groß.

Aber eigentlich war das nur die halbe Wahrheit. Tief in sich hoffte Granny, dass diese Person dort nicht sie wäre, auch wenn dies noch so abwegig erschien. Denn diese lag mit dem Gesicht auf dem Boden. Also war es nicht möglich, es zweifelsfrei festzustellen. Genug, um sich der Hoffnung hinzugeben.

Dann aber gab sie sich einen Ruck und fasste die Person an der Schulter, um sie umzudrehen. Als ihre Hand aber durch die Gestalt hindurchfuhr, ohne auf großen Widerstand zu stoßen, gab sie ein entmutigtes Seufzen von sich. Das hieß, sie hätte es von sich gegeben, wenn sie noch einen Körper gehabt hätte.

Ein echter Geist heult nicht, erinnerte sie sich an eine Redensart ihrer Mutter. Jetzt weiß ich auch, wie sie das gemeint hat. Ohne Stimmbänder auch kein Heulen.

Sie ließ sich vollends zu Boden sinken und starrte mutlos auf das schwarz-weiße Karomuster der Fliesen. Da bemerkte sie etwas, das vorher durch ein Sideboard ihrem Blick entzogen gewesen war.

Ein Stück vom Kopf der nur allzu bekannten Gestalt lag die schwere gusseiserne Pfanne, die ihre Mutter früher immer verwendet hatte.

Was hat die denn dort zu suchen? Die habe ich doch schon seit Ewigkeiten nur noch zur Dekoration auf dem Tischchen stehen, weil die Kupfer-Pfanne einen viel besseren Geschmack ergibt. Das schwere Ding hat ja sogar die Aufhängung überfordert, die Onkel Harvey hier an der ...

Sie stutzte, denn ihr Blick, den sie beim Nachdenken unwillkürlich auf den Gegenstand ihrer Gedanken gerichtet hatte, ging ins Leere. Die von der Tür in den Flur quer über das Sideboard gespannte Kette war nicht mehr da. Früher hatten dort einmal kleinere Töpfe und Pfannen gehangen. Granny streckte sich ein wenig, um vollends um die Ecke des Boards zu schauen.

Hab ich dich!

Sie erhob sich wieder und konnte nun zweifelsfrei erkennen, dass die Kette sehr wohl noch vorhanden war. Allerdings hing sie, nur noch an einer Seite befestigt, zum Teil auf dem Board und zum Teil baumelte sie an dessen Stirnseite hinunter.

Aber, das macht keinen Sinn. Wieso sollte die Kette nach all den Jahren plötzlich aus der Wand reißen? Es hat ja noch nicht einmal etwas darauf gehangen, nachdem ich bemerkt hatte, dass sich die Verankerung zu lockern begann. Ich wollte nicht Gefahr laufen ...

Granny stockte. So, wie sie nun mitten in dem leblosen Körper stand, bot sich ein Bild, das auf fürchterliche Weise einen Sinn machte.

Die schwere Pfanne.

Die herausgerissene Kette.

Eine Person, die darunter auf dem Boden lag, mit einer vermutlich tödlichen Wunde am Hinterkopf.

Man hat mich ermordet!

In diesem Augenblick hörte sie ein Geräusch und fuhr herum. Doch gleich darauf entspannte sie sich wieder, als sie das leise Kratzen erkannte.

Alastair, mein Schatz.

Durch die Glaseinsätze der Tür zur Veranda waren der Kopf und eine Pfote eines Katers erkennbar. Er war groß für eine Katze und sein langes Fell von einem dermaßen tiefen Schwarz, dass es jeden, der ihm zum ersten Mal begegnete, unwillkürlich fröstelte. Auch schienen seine bernsteinfarbenen Augen manchmal geradezu von innen zu leuchten. Mit ihnen blickte er unverwandt auf den Körper und den Geist in der Nische neben dem Sideboard, während seine Pfote ohne Unterlass über die Glasscheibe strich und dabei ein leicht quietschendes Kratzen verursachte.

Ohne weiter nachzudenken, ging Granny auf die Tür zu, um ihren Kater einzulassen. Weit kam sie jedoch nicht. Noch bevor sie auch nur an dem Tisch mit vier Stühlen angekommen war, die mitten in der Küche standen, wurde sie aufgehalten. So sehr sie sich auch mühte, sie kam kein Stück näher an den Punkt heran, wo Alastair saß und weiter die Pfote über die Scheibe kratzen ließ. Verwirrt blickte sie an sich hinunter und stellte fest, dass ihr linker großer Zeh sich nicht vom Zeh des Körpers lösen wollte, der still in der Nische liegenblieb.

Damit ist es amtlich. Mein Körper muss tot sein, sonst würde er sich aufrappeln und die Tür öffnen. Dieses Geräusch ist nicht zum Aushalten! Ich muss etwas tun!

Granny ließ sich neben den Füßen ihres Leichnams auf dem Boden nieder und versuchte mit sich steigernder Vehemenz, ihren astralen Zeh davon zu lösen. Sie zog und rüttelte, doch nichts vermochte etwas zu bewirken. Immer wieder schoss ihr Blick zur Verandatür, an der Alastair stoisch sein Kratzwerk vollbrachte. Plötzlich jedoch verharrte er mit erhobener Pfote und blickte mit schräggelegtem Kopf nicht mehr auf die Gestalt am Boden, sondern direkt in Grannys Augen.

Kannst du mich etwa sehen, mein Schatz?

Sie ließ vom offensichtlich sinnlosen Vorhaben, ihren Zeh betreffend, ab und konzentrierte sich mit aller Kraft auf den Kater, dessen Augen immer heller zu leuchten begannen.

Ich bin hier, Alastair. Kannst du ...?

In diesem Moment wandte der Kater sich abrupt von Granny ab, um sich das Fell an seiner Pfote zu putzen. Dann drehte er sich weg von der Tür, wischte dabei mit seinem buschigen Schweif über die Glaseinsätze und stolzierte zurück in den Garten.

Ein weiteres Mal entmutigt, ließ Granny sich nach hinten sinken, bis sie den sanften Widerstand des Sideboards im Rücken spürte.

Was nun?, dachte sie, lehnte auch ihren Kopf an ... und stutzte erneut.

Oberhalb der Leibung der angelehnten Tür zum Flur glomm etwas an der Wand.

Mit neu erwachendem Elan erhob sie sich ein weiteres Mal, um dieses Etwas näher in Augenschein zu nehmen. Die Verbindung zu ihrer sterblichen Hülle ließ es zwar nicht zu, dass Granny dicht herankam, doch auch von ihrer Position aus, konnte sie erahnen, dass es die Form einer Hand hatte. Also musste sich dort wohl jemand abgestützt haben. Während sie voller Faszination ihren Fund betrachtete, konnte sie feststellen, dass das Glimmen langsam die Farbe änderte – von Orange, über Rot zu Violett – und dabei mehr und mehr verblasste.

Das ist ja fast so wie bei dem Handwerker, der letztens mit diesem ... Thermo...skop gemessen hat, wo er die Fenster abdichten muss. Kann mein Astral-Leib womöglich Temperaturen erkennen? Davon hat Mutter ja nie etwas erzählt.

Granny drehte sich wieder zurück zu ihrem irdischen Leib und erschauerte.

Auch am Griff der Pfanne war ein leichtes Glimmen erkennbar. Ebenso am Ende der Kette, die über die Kante des Sideboards hing.

Doch da drängten sich zwei weitere Sinneseindrücke in den Vordergrund und ließen sie ihren Fund vorübergehend vergessen: Auf dem Herd kochte die Sahne abscheulich stinkend über und die fröhlich bimmelnde Ladenklingel kündigte Kundschaft an.


SZENE2

Auf Abwegen

Jona


»Memo an mich selbst: Hör nicht auf deine bescheuerten Ideen!«, diktierte ich ins Notizbuch in meinem Smartphone. Nicht, dass es viel bringen würde, denn meist kam ich gar nicht dazu, mir meine privaten Gedankenstützen anzuhören – geschweige denn, meine Geistesblitze auch zu befolgen.

»Und du hörst auf der Stelle auf, mich so frech anzugrinsen! Du bist schuld, dass ich mich noch einmal umziehen muss und ...« Ich seufzte und sparte mir die restliche Tirade, denn noch sinnloser als mit meiner elektronischen Gedächtnisstütze zu kommunizieren, waren Gespräche mit Freddy. Der saß mit schiefgelegtem Kopf und einem kackdreisten Funkeln in den dunklen Augen vor mir und plottete zweifellos den nächsten Sabotageakt.

Vor zwei Jahren war es mir wie ein brillanter Einfall erschienen, ihn in mein Leben zu holen. Ich hatte es so satt, meine wertvolle Lebenszeit mit mittelalten Recycling-Männern zu verbringen, die entweder unter ihren Altlasten oder wegen ihres ungesunden Lebenswandels ächzten und mir unterm Strich mehr Probleme bereiteten als Erfüllung.

Freddy dagegen versprach mir von Tag eins an Treue bis in den Tod und schwor, mir niemals wieder von der Seite zu weichen. Und ja, verblendet wie ich in diesem Moment war, klang das toll. Immer einen warmen Körper neben sich zu haben, an den man sich in kalten, einsamen Winternächten kuscheln konnte, klang Mitte Dezember und mit Weihnachten vor der Brust, verdammt verführerisch. Wie sehr man sich doch irren konnte. Wobei? Das mit der Treue und der ständigen Nähe stimmte, allerdings hatte mich niemand vor den infernalischen Fürzen und dem Mundgeruch gewarnt – und dass ich eben tatsächlich nie mehr alleine war. Selbst auf dem Klo nur ganz selten.

Mir entfuhr ein wehklagendes Geräusch, das Freddy jedoch missinterpretierte und begeistert mit der Rute auf den Dielenboden klopfte, sodass ich die Vibration an meinen bestrumpften Füßen spürte. »Wenn du es jetzt auch noch schaffst, ein Erdbeben zu erzeugen, dann hast du den Eignungstest zum Höllenhund endgültig geschafft.«

Er stieß einen begeisterten Beller aus, offenbar schien ihm diese Jobaussicht sehr zu gefallen – auch wenn sie nicht bei der Rassebeschreibung genannt wurde. Temperamentvoll, fröhlich, eigensinnig und einfallsreich – das hatte so schlecht nicht geklungen. Inzwischen war ich besser informiert und war intensiv in die Materie Airedale Terrier eingearbeitet. Bei meinen Recherchen hatte ich unter anderem erfahren, dass historische Verwandte von meinem Freddy im ersten und zweiten Weltkrieg als Melde- und Sanitätshunde gedient hatten, was mir bei meinem Sofa-Casanova allerdings reichlich abwegig erschien. Freddy hieß ursprünglich übrigens auch nicht Freddy, sondern Theodor of Glenrose Marvel. Theo hätte ich ihn auch gerne genannt, doch bereits in seiner ersten Nacht bei mir durfte ich eine weitere Eigenheit von ihm kennenlernen – gruseliges und vor allem lautstarkes Jodelgeheul im Schlaf. Als ich mich vom ersten Schock erholt hatte, erinnerte mich diese Traumballade an einige Takte aus Queens Bohemian Rhapsody – und aus Theo wurde Freddy.

Ich zog mir gerade einen frischen, nicht mit schlammigen Pfotenabdrücken verunzierten Pullover über den Kopf, als mein Handy klingelte und ich auf dem Display die Nummer meines Chefredakteurs Sam Shepherd erspähte.

»Was gibt’s, Sam?«, fragte ich betont munter und wappnete mich innerlich gegen die absurden Ad-hoc-Aufträge, die er mir so gerne übertrug. Angeblich, weil ich hier in Fowey alle und jeden kannte und auch Grabsteine zum Plaudern brachte, wie er es so gerne ausdrückte.

»Kann ich dich um einen Spezialauftrag bitten?«, fragte er und prompt sträubten sich mir alle Haare.

»Hm«, brummte ich. Ich wollte erst einmal hören, worum es ging, ehe ich mich zu einer Aussage hinreißen ließ.

»Jenny hat heute Geburtstag und ich dachte, wir schenken ihr alle einen Geschenkkorb von Granny Smith mit allen Sorten.«

»Du hast vergessen, deiner Sekretärin einen Blumenstrauß zum Geburtstag zu besorgen, und musst es jetzt wieder gutmachen«, übersetzte ich. Er grunzte.

»Wie lange arbeitet sie schon für dich? Zwanzig Jahre? Oder fünfundzwanzig?«

»Dreißig«, gab er zähneknirschend zu. »Und hör auf, mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Das hab ich von ganz allein. Also, was ist? Kannst du mir bitte aus der Patsche helfen?«

»Na schön«, sagte ich gnädig, fügte aber rasch hinzu: »Aber dann hab ich auch was bei dir gut!«

»Du darfst Freddy jeden Tag mit in die Redaktion bringen«, erinnerte er mich milde und mehr musste er tatsächlich nicht, denn den rassetypischen Einfallsreichtum legte mein vierbeiniger Unhold auch am Arbeitsplatz gerne an den Tag.

»Ich kümmere mich um das Paket für Jennifer«, versprach ich daher rasch und beendete das Telefonat.

Zwanzig Minuten später waren wir unterwegs und liefen an diesem nassgrauen Morgen durch meine Heimatstadt. Anders als von mir geplant natürlich nicht nur am Ufer des Flusses Fowey entlang zur Redaktion, sondern die vielen Stufen hinauf, die es brauchte, um zu Granny Smiths fabelhaftem Fudge-Laden zu gelangen. Er befand sich nämlich nicht im Ortszentrum, sondern oben auf der Klippe in der Nähe des Sportplatzes und Parks. Daher war er eigentlich auch nur Einheimischen bekannt. Freddy benahm sich nach seiner Schlammpfützenorgie von vorhin mustergültig und marschierte mit hoch erhobenem Schwanz und tiefer Nase neben mir her – ausnahmsweise ohne an der Leine zu zerren. So hatte ich ein wenig Muße, meinen Gedanken nachzuhängen und alle paar Meter Nachbarn und Bekannte zu grüßen.

Sam hatte schon irgendwie recht, ich kannte in hier tatsächlich Gott und die Welt. Und alle kannten mich, was mir oft genug einen echten Vorteil gegenüber meinen jüngeren Kolleginnen und Kollegen verschaffte, die noch nicht so lange hier lebten. Mir erzählten die Leute praktisch alles. Nicht, dass in Fowey besonders aufregende Dinge geschahen, wenn man von der Diebstahlserie bei zwei örtlichen Kaninchenzüchtern mal absah – wobei ich da eindeutig eher die Füchse im Verdacht hatte, die sich beim Gute-Nacht-Sagen am ein oder anderen Häschen vergriffen. Doch die Hoppelheger waren sich sicher, dass sich ein lokaler Konkurrent gezielt an ihren besonders vielversprechenden Rammlern vergreifen musste, und schworen Rache. Glücklicherweise gehörte diese brandheiße Geschichte nicht in mein Ressort, denn mein vierbeiniger Assistent würde das Problem auf ganz eigene Art lösen. Oder verschärfen.

Ich bog um die nächste Ecke und sah schon von Weitem das Ladenschild von Grannys Laden. Vielleicht konnte ich mir, während mir Granny einen üppigen Fresskorb für Jennifer zusammenstellte, eine heiße Schokolade gönnen? Das würde mir den Tag wirklich versüßen. Ich fasste Freddys Leine kürzer und drückte mit der anderen Hand voller Vorfreude auf die kommenden Genüsse die Tür zum Laden auf.

»Uagh. Was ist das?«, entfuhr es mir angewidert, denn statt des vertrauten, betörenden Aromas schlug mir ein beißender Geruch entgegen, der mich an übergekochte Milch erinnerte.

Freddy versteifte sich merklich neben mir und stieß ein leises Knurren aus. Auch er schnupperte. Dann sank sein Schwanz erst auf halbmast und verschwand schließlich sogar zwischen den Beinen. Hier war irgendetwas ganz und gar nicht in Ordnung.

»Granny?«, rief ich unsicher. »Granny Smith? Ist alles in Ordnung?«

Es kam keine Antwort. Freddy japste auf und aus den Augenwinkeln sah ich einen dunklen Schatten vor der Ladentür vorbeihuschen. »Granny?«, fragte ich erneut und ging dann um den Tresen herum. Hinter dem von einem dicken Samtvorhang verborgenen Durchgang gab es einen Flur, der zur Küche führte, wie ich seit einem Interview mit unserer Fudge-Königin wusste. Langsam näherte ich mich. Der Gestank nach verbranntem Karamell und übergekochter Milch wurde immer intensiver und mischte sich mit etwas anderem. Ich schluckte. Diesen Geruch hatte ich schon einmal in der Nase gehabt: Blut. Viel davon. Noch ehe ich in die Küche blicken konnte, hatte ich schon mein Handy in der Hand, um den Notarzt zu rufen, doch nach drei weiteren Schritten war klar, dass ich zu spät gekommen war.


SZENE3

Geistesgegenwart

Granny


Wer ruft da? Diese Stimme kenne ich doch. Eine Frau. Und sie kommt näher. Ach du liebe Zeit, sie wird meinen Körper finden! Hoffentlich ist es nicht ausgerechnet Portia Peek. Nicht auszudenken, was sie in der Straße erzählen wird. Ich hätte ...

In diesem Augenblick flog die angelehnte Tür zum Flur auf und hindurch brach ein Knäuel aus braun-schwarzem Fell. Laut bellend versuchte es, neben Granny zum Stehen zu kommen, doch der glatte Küchenboden ließ es nicht zu. So geriet es ins Rutschen und prallte gegen einen der vier Küchenstühle, der nicht ganz unter den Tisch in der Mitte geschoben worden war. Der Stuhl geriet ins Kippen und wischte im Umfallen mit seiner Lehne an der Tischkante entlang, wo Granny die Etagere mit den Glasfläschchen abgestellt hatte, in denen sich ihre Aroma-Öle befanden.

Ach, herrje. Das ist ja ...

»Freddy!«, erklang nun laut und deutlich die Stimme einer Frau aus dem Flur.

Der Hund stand wie erstarrt mit aufgerissenen Augen und zurückgelegten Ohren neben den Füßen des leblosen Körpers und schien sich nicht entscheiden zu können, ob er knurren oder winseln wollte.

Ein Krachen und Scheppern ließ das Tier entsetzt herumfahren. Die Etagere war umgekippt und auf den Stößel eines Mörsers gefallen. Der drehte eine Pirouette in der Luft und verteilte dabei Pistazienkrümel auf dem Tisch, bevor er auf ein filigranes Kristallgefäß in einer silbernen Schale traf, das prompt zersplitterte und seinen Inhalt über die außerdem in der Schale aufbewahrten Trockenkräuter verteilte.

Mit einem fassungslosen Gesichtsausdruck starrte die in der Tür stehen gebliebene Frau zwischen dem fortschreitenden Chaos auf dem Tisch und ihrem inzwischen wieder aufgeregt herumspringenden und jaulenden Hund hin und her. Beide zuckten bei jedem Klirren zusammen, das die vom Tisch rollenden Aroma-Fläschchen verursachten, während sie den Boden und den dort liegenden Stuhl mit ihrem Inhalt bespritzten.

»Bist du noch zu retten?«, japste sie schockiert und schloss kurz ihre Augen. »Was hast du getan?«

Aber der Arme kann doch fast nichts dafür, fuhr Granny unwillkürlich auf.

Freddy tapste sichtlich verunsichert zu seinem Frauchen, stupste sie an der Hand an und begann dann zaghaft zu wedeln.

»Komm mir nicht so!«, rief die Frau. »Erst hier das blanke Chaos veranstalten und dann so tun, als ob nichts wär. Wenn die arme Granny das sieht, dann fällt sie tot ... oh.« Alle Farbe wich aus ihrem Gesicht, als sie zuerst Grannys Füße und dann auch die restliche stumm daliegende Gestalt mit der hässlichen Wunde am Hinterkopf entdeckte. Ihre erhobene Rechte sackte hinunter. Das Handy entglitt den anscheinend kraftlosen Fingern und fiel klappernd zu Boden.

Ach, Herzchen ... wie war nochmal dein Name? Wir haben uns doch letztens erst unterhalten. Jona, das war’s. Jona, Liebes, nimm’s nicht so schwer.

»Scheiße«, flüsterte Jona. Einen Moment lang stand sie wie in Trance herum. Dann schien sie sich ihrer Umgebung wieder bewusst zu werden. Sie bückte sich, hob das Telefon auf und tippte mit zitternden Fingern eine Nummer. Während sie darauf wartete, dass sich ihr Gesprächspartner meldete, balancierte sie vorsichtig durch die um den Tisch verteilten Trümmer an den Herd, wo sich erste dunkle Schwaden aus dem Topf erhoben.

»Devon & Cornwall Police? Hier ist Jona Gold. Ich bin in Fowey im Fudge-Laden von Granny Smith. Bitte schicken Sie jemanden. Hier ist etwas passiert. Ja ... nein ... keine Ahnung, ich ... ja, ist gut, ich warte hier.« Während des Gespräches hatte sie den Topf von der Flamme gezogen und das Gas abgedreht. Nun schaute sich in der Küche um.

In diesem Moment fing Freddy an zu knurren. Bevor Jona ihn aber auch nur zur Ordnung rufen konnte, schoss der Terrier los, kickte den umgefallenen Stuhl erneut durch die Gegend und kam, wild bellend, erst an der Tür in den rückwärtigen Garten zu stehen. Auf der anderen Seite des Glaseinsatzes – durch den geifernden Hund fast verborgen – bewegte sich etwas Dunkles.

Unwillkürlich versuchte Granny, sich an ihm vorbeizudrängen, scheiterte aber ein weiteres Mal daran, dass ihre sterbliche Hülle sie festhielt. Alastair, Schatz. Keine Angst, er kann dir nichts ...

Da richtete sich der Kater zu voller Größe auf und hieb fauchend einmal mit der Pfote gegen das Glas. Freddy machte einen Satz rückwärts, gab ein Quieken von sich und rannte aus der Küche.

»Na, du bist mir ja ein Held«, bemerkte Jona mit einem halben Lächeln, das angesichts des leblosen Körpers jedoch sofort wieder erstarb.

Aus dem Laden war ein Klingeln zu hören. Dann begann Freddy ein weiteres Mal zu bellen.

Jona gab ein Seufzen von sich und eilte aus der Küche. »Es ist geschlossen«, rief sie im Laufen. »Heute gibt es leider keinen Fudge.«

Doch die Kundschaft schien sich nicht so einfach abwimmeln lassen zu wollen, denn es folgte ein Wortwechsel, den Granny aber wegen Freddys Gebell nicht verstehen konnte. Kurze Zeit später wurde die Küchentür aufgestoßen. Hinein kam aber nicht diejenige, die Granny erwartet hatte.

»Dann wollen wir doch mal sehen, wie schlimm es wirklich ist, Kindchen«, brummte die uniformierte Gestalt, die hereinwatschelte.

Constable Fumble, Lucius, das ist aber eine Überraschung. Hast du denn auch das Geld dabei, das du mir noch vom letzten Bridge-Abend schuldest?

Sie erhielt freilich keine Antwort. Nach einem kurzen Blick auf den leblosen Körper wandte sich der Polizist um und ließ seinen Blick durch die Küche schweifen.

Nun erschien auch Jona, blieb aber in der offenen Tür stehen, wo sie leise vor sich hinmurmelte: »Da ruf ich extra in St. Austell an und sie schicken ausgerechnet ihn.«

Fumble wandte sich zu ihr. »Hast du was gesagt?«

Eine leichte Röte überzog Jonas Wangen. »Nein, nein. Ich habe mich nur gewundert, wie du so schnell ...«

»Tja, mein Kind«, unterbrach Fumble sie. »Wir sind schließlich im Zeitalter der modernen Kommunikation. Aber die allein ist ja nichts ohne ein gerüttelt Maß an kriminalistischer Intuition. Wenn ich nicht eben die Eingebung gehabt hätte, in der Zentrale anzurufen, um Meldung zu machen, dann hätten die Kollegen extra ein Team herschicken müssen.« Er schaute Jona erwartungsvoll an.

»Respekt«, sagte sie nach einem Moment der Stille mit unmissverständlichem Sarkasmus in der Stimme und gab Fumble ein doppeltes Daumen-hoch-Zeichen.


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Q&A - Appletree Murders Band 1

Fragen & Antworten

Appletree Murders – Fudge, Vermächtnis und Verderben

Appletree Murders ist eine Cozy Mystery Reihe mit übernatürlichen Elementen. Wenn du charmante britische Kleinstädte, humorvolle Ermittlerinnen und eine Prise Magie magst, bist du hier genau richtig. Der Ton ist leicht und unterhaltsam – perfekt für gemütliche Lesestunden mit einer Tasse Tee (und vielleicht etwas Fudge).

Granny Smith ist die Besitzerin einer Fudge-Manufaktur in Cornwall – und nach einem unerwarteten Tod nun ein Geist mit starkem Gerechtigkeitssinn. Jona Gold ist eine chaotische Lokalreporterin, die eigentlich nur Fudge kaufen wollte. Ihr zur Seite stehen Freddy, ein ängstlicher aber treuer Hund, und Alastair, ein mysteriöser schwarzer Kater mit eigener Agenda.

Die Handlung spielt im malerischen Küstenstädtchen Fowey in Cornwall, England. Das Setting bietet die perfekte Kulisse für eine Cozy Mystery: enge Gassen, ein beschaulicher Hafen, traditionelle Läden – und natürlich Grannys Fudge-Manufaktur, wo alles beginnt.

Nein. Obwohl es einen Mord und einen Geist gibt, ist der Ton charmant und humorvoll. Granny ist eine pragmatische und liebenswerte Geister-Protagonistin, die eher genervt als erschreckend ist. Die Geschichte ist gemütlich, nicht gruselig – ein cozy Mystery eben.

Auf jeden Fall! Die Appletree Murders sind weniger Hardcore-Krimi, mehr charmante Unterhaltung mit Rätsel. Der Fokus liegt auf sympathischen Charakteren, britischem Humor und einer spannenden, aber nicht zu düsteren Handlung. Perfekt für Leser:innen, die entspannte Spannung mit Herz mögen.

Ja! Jeder Band der Appletree Murders Reihe erzählt eine in sich abgeschlossene Geschichte. Du kannst Band 1 lesen, ohne auf einen Cliffhanger zu stoßen. Gleichzeitig entwickeln sich die Charaktere weiter und es gibt übergreifende Elemente, die die Reihe verbinden.

Ja! Die Appletree Murders sind als Reihe konzipiert. Nach Band 1 folgen weitere Abenteuer von Granny, Jona und ihren tierischen Begleitern in Fowey und Umgebung. Jeder Band bringt neue Fälle, neue Geheimnisse – und natürlich neue Fudge-Kreationen.

C.C. Ravenmiller ist das gemeinsame Pseudonym der Autorinnen Charlotte McGregor und C.A. Raaven. Gemeinsam erschaffen sie die magische Welt von Fowey, würzen sie mit britischem Humor und einer Prise Übernatürlichem – und sorgen dafür, dass Granny und Jona immer neue Fälle zu lösen haben.

Empfohlen, aber nicht zwingend. Jeder Band hat einen abgeschlossenen Fall, den du verstehen kannst, ohne die vorherigen Bände gelesen zu haben. Allerdings entwickeln sich die Beziehungen zwischen den Charakteren weiter, und es gibt kleine Details und Running Gags, die mehr Spaß machen, wenn du von Anfang an dabei bist.

Grannys Fudge-Manufaktur ist das Herzstück der Geschichte, und ja – ihre Kreationen spielen eine wichtige Rolle! Auch wenn im Buch selbst keine Rezepte abgedruckt sind, wirst du definitiv Lust auf Fudge bekommen. Wir empfehlen, beim Lesen Süßigkeiten bereitzuhalten. 🍬

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