SPLITTT

Climate Science Fiction unter der Prämisse, dass man Menschen digitalisieren kann.

Leseprobe

SPLITTT - Wird der Crawler dich kriegen?

C. A. Raaven

Science Fiction / Climate Fiction

Spherope-Trilogie, Teil 2

ab 16 Jahren

1 . Auflage, 2024

TB 432 Seiten

ISBN 978-3989420472

"Was ist denn das?, hatte Honey gesagt.
Was verdammtnochmal soll das heißen?!
Hat sie einen Fehler im System entdeckt?
Hat es einen Angriff auf das Labor gegeben?

Oder hat ihr der Butler einen Snack offeriert, den sie nicht kannte?"

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Hörbuch

Kommt, sobald ich die Zeit finde, es einzulesen ... sorry fürs Warten.

Ach, und übrigens: Wenn du das Taschenbuch lieber im Buchladen bei dir um die Ecke bestellen möchtest - kein Problem. Mit der ISBN oben in der Übersicht sollte das klappen.

Er ist verschwunden. Irgendwo im Datenstrom zwischen den Welten — aufgespalten, verschlüsselt, vielleicht schon verloren.


MJU hat es mit eigenen Augen gesehen. ARNAUD war nicht dabei. Und das ändert nichts daran, dass beide wissen: Wenn sie Kyle nicht zurückholen, ist er die erste von vielen Währungen, die in dieser Welt einfach eingelöst werden.


Doch um ihn zu finden, müssen sie dorthin, wo sie noch nie waren — tief in ein Netz, das nicht für Menschen gemacht wurde. In analoge Außenwelten jenseits der Sphären, in denen die Regeln der Zivilisation längst aufgehört haben zu gelten. Und in Konfrontationen mit Kräften, die längst entschieden haben, was Menschen wert sind — und was man aus ihnen machen kann.


SPLITTT ist die Geschichte einer Rettungsmission, die sich in etwas weit Größeres verwandelt. Von Identitäten, die unter Druck auseinanderbrechen — und dem, was bleibt, wenn nichts mehr ganz ist. Von einem Lied, das eine unmögliche Situation löst. Und von der Frage, wie weit man für jemanden geht, den man vielleicht erst jetzt wirklich kennenlernt.


Wird der Crawler dich kriegen?

Leseprobe

Ausschnitte aus drei Szenen der Geschichte.


SZENE 1

#seekingblindly (Teil)


DIGITALE WELT

Burg oberhalb von Le Village

Zeitindex 14052121_0200 – 14052121_0400

MJU


»Oh verdammt, wir sitzen hier ratlos rum und Kyle ist irgendwo da drüben bei den Analogen. Vielleicht sind sie gerade in diesem Moment dabei, ihn zu zerhacken oder er ist längst Toast!«

Ich bemerke, wie mir ein kalter Schauer über Rücken und Arme läuft, als mir bewusst wird, dass die Wahrscheinlichkeit, ihn jemals wieder in die Arme schließen oder über einen seiner manchmal etwas unreifen Scherze lachen zu können, in jeder Mikrosekunde sinkt. In meinen Augenwinkeln beginnt es zu brennen und ich presse die Lider fest zusammen, um die Tränen am Fließen zu hindern. Ich fahre mir mit den Händen durchs Haar und schaue in die Runde.

Drei Augenpaare blicken zurück. In jedem von ihnen kann ich eine ähnliche Frustration erkennen, wie auch ich sie empfinde. Nein, nicht in allen. Zwar können Arnaud und Mamie ihre Gefühle nicht vor mir verbergen, aber Honey zeigt wie meistens ein Pokerface. Als KI fällt ihr das wahrscheinlich sogar leichter als sich mit den widersprüchlichen Regungen zu beschäftigen, die wir ehemals analogen Menschen als normal empfinden. Nur ein einziges Mal hat sie ihre Algorithmen nicht im Griff gehabt und vor Wut eine Mauer gesprengt. Das ist noch gar nicht so lange her.

Aber doch habe ich das Gefühl, seitdem wäre eine Ewigkeit vergangen. Im »Davor« waren wir zu fünft und haben alles daran gesetzt, die Typen in der analogen Welt davon abzuhalten, uns Digitale nach ihrem Gutdünken ausbluten zu lassen. Arnaud und Honey, Mamie und ich – und Kyle. Dann kam der Augenblick, wo er mich daran hinderte, rücklings in mein Verderben zu gehen, und stattdessen selbst verging.

Nun schießen die Tränen doch hervor, die ich eben noch zurückdrängen konnte. Ich schlage mir die Hände vors Gesicht und stütze mich schwer auf meine Ellenbogen.

»Hey, nun hör schon auf, dir deswegen wieder Vorwürfe zu machen«, sagt Arnaud für seine Verhältnisse ungewöhnlich sanft. »Du konntest nichts dafür, dass Kyle ins OFFF gezogen wurde. Es ist nicht ...«

Ich gebe ein unwilliges Grunzen von mir, das seinen Versuch mich zu trösten stoppt.

»Du hast leicht reden. Du warst nicht dabei. Du hast es nicht mit ansehen müssen, wie er dort in der Luft hing und vergeblich versucht hat, nicht verschlungen zu werden.«

»Genau«, gibt Arnaud mit ernstem Gesicht zurück. »Ich war in Analogien und habe versucht, weder gegrillt noch in die Luft gesprengt oder zerquetscht zu werden und dabei den ollen Schalter zu finden, den wir gebraucht haben, um Iurii in Schach zu halten.«

Diesmal verlässt ein Seufzen meine Kehle.

»Du hast ja recht. Sorry. Aber ... ach, Mist. Was, wenn er schon längst zu einem Kick für irgendeinen analogen Junkie gemacht wurde?«

Mamie tritt hinter mich und legt ihre Hände auf meine Schultern.

»Ich denke, das ist nicht zu befürchten, Muriel. Zusammen mit Honey habe ich noch einmal die Telemetrie-Daten ausgewertet, als es geschah. In diesem Moment ist eindeutig eine große Menge Programm-Code produziert worden.«

»Du meinst, Kyle hat sich wirklich schützen können?«

Eine Welle von Hoffnung durchströmt mich. Ich drehe den Kopf zur Seite und schaue Mamie an. Ich möchte sie dazu bringen, mir einen zweifelsfreien Beweis dafür zu liefern, dass dieser Code bedeutet, dass Kyle in Sicherheit ist. Doch mein Hals ist wie zugeschnürt und ich bekomme keinen Ton heraus.

»Das kann ich nicht eindeutig bestätigen«, wirft Honey zu allem Überfluss ein. »Weder die Art des Codes noch der Emittent desselben lässt sich aus den gespeicherten Daten extrahieren. Aber die Tatsache, dass eine solche Menge ausgerechnet zu diesem Zeitindex produziert wurde, spricht eher für eine Korrelation als für eine Koinzidenz.«

Bei ihren letzten Worten schleicht sich in Honeys ansonsten relativ neutrale Miene ein halbes Lächeln und ihre Augen beginnen zu leuchten.

Kommt mir das nur so vor oder sucht auch sie nach einer Rettungsleine, an der sie sich festklammern kann?

Endlich kann ich wieder tief Luft holen.

»Denkst du also doch, dass Kyle in Sicherheit ist?«

* * *

Wenig später sitzen wir mit dampfenden Tassen in einem durch achteckige steinerne Säulen abgetrennten Nebengewölbe der großen Küche. Wenigstens sorgt ein in der altertümlichen Feuerstelle entfachtes Feuer dafür, dass wir uns nicht ganz so preisgegeben fühlen.

»Also, was haben wir noch?«, sagt Mamie und wischt mit einer Handbewegung eine Mindmap an die Wand, die sich in einen Bildschirm verwandelt hat.

»Zum 'Was' ist mir noch etwas eingefallen«, kommt es von Arnaud. »Die Typen scheinen wirklich einen Weg gefunden zu haben, um eine digitale Entität zu zerteilen.«

Ein Keuchen ertönt. Arnaud stoppt und blickt teilnahmsvoll zu Mamie, die bei seinen Worten erbleicht ist.

»Entschuldigt bitte«, sagt sie leise und nimmt schnell einen Schluck Tee. »Mir ist nur gerade wieder bewusst geworden, dass so etwas auch mir hätte passieren können.«

»Könnte es sein, dass Kyle das auch selbst hinbekäme?«, frage ich mehr mich selbst.

»Wieso sollte er das tun?«, kommt es von ihm.

»Das ist gar nicht so abwegig«, wirft Mamie ein. »Kyle benimmt sich zwar manchmal etwas ... nun ja, infantil. Aber er ist alles andere als dumm.«

»Stimmt. Aber nochmal: Warum sollte er es dann den Typen noch leichter machen, indem er sich schon selbst filetiert?«

»Weil er genau das Gegenteil tut!«, platze ich heraus und springe vor Erregung auf.

Oh, bitte lass es so sein!

»Vielleicht hat er seine Daten verschlüsselt und den Key dafür abgespalten.«

»Okay, das könnte ihm wirklich ähnlich sehen«, gibt er zu.

Mamie ergänzt weitere Blasen in der Mindmap.

»Das könnte sogar bedeuten, dass wir keine so große Eile hätten, wie wir es bisher vermutet haben.«

»Nur wissen können wir es nicht.«

Ich hebe die Schultern und Arme. Dann lasse ich die Hände zurück auf die Oberschenkel sinken.

»Ja, in der Tat.« Sie legt eine Hand bekräftigend auf meine. »Und deswegen wenden wir uns jetzt auch direkt dem 'Wie' zu. Wie funktioniert der Download in die analoge Welt?«

»Portale«, sagt Arnaud.

Mamie runzelt die Stirn. »Hmm, das klingt mir ein wenig zu sehr nach Hokuspokus ...« Sie grübelt, wischt Blasen auf den Bildschirm. »Ein Port. Und zwar einer, der so an einen bestehenden Offline-Port angedockt werden kann, dass er den Datenverkehr unweigerlich dorthin umleitet.«

In diesem Moment gibt Arnaud ein Keuchen von sich, das uns beide zu ihm herumfahren lässt.

»Wisst ihr, was das bedeutet? Ich schon. Es bedeutet, dass ich jetzt einen Anruf machen muss.«


SZENE 2

Unvollständig


DIGITALE WELT

Burg oberhalb von Le Village

Zeitindex 14052121_0400 – 14052121_0600

ARNAUD


»Wer verdammtnochmal stört mich mitten in der Nacht?«, dröhnt es in mein Ohr.

Es ist seine Stimme. Ich erkenne sie sofort, auch wenn sie im Augenblick jegliche Jovialität verloren hat. Leider ist sie damit nur allzu gut geeignet, mir die Kehle spontan staubtrocken werden zu lassen.

Ob das wirklich so eine gute Idee war? Immerhin hat er mir seine Schläger auf den Hals gehetzt.

»Hast du deine Zunge verschluckt?!«, herrscht mich der Prinzipal der Sphären an. »Welche Missgeburt einer Hure aus der Quartären ...?«

»Maxx!«, fahre ich dazwischen. Zu mehr reicht meine Stimme nicht.

Doch zum Glück muss sie das auch nicht. Nun herrscht auf seiner Seite Stille, nur durchbrochen von keuchenden Atemzügen. Mit zusammengebissenen Zähnen und Schweißperlen auf der Stirn lausche ich ihnen und warte.

Und wenn er einfach auflegt? Dieser Niedervolt-Leuchte wäre es zuzutrauen, dass er versucht, sich das Problem auf diese Art vom Hals zu schaffen.

»Wo...her hast du ... diese Nummer?«, haucht er jedoch nach ein paar Sekunden.

Meine Kiefermuskulatur entspannt sich ein wenig.

Okay, reiß dich zusammen. Jetzt ist Showtime!

»Dir ist vermutlich nicht bekannt, dass ich kürzlich im Auftrag des Dominus Recherchen über die Bürger der Sphären betrieben habe«, beginne ich. »Recherchen, für die ich von ihm mit umfassenden Autorisierungen ausgestattet wurde.«

»Nein«, kommt es immer noch in einem zarten Stimmchen zurück, das so gar nicht zu der massigen Gestalt des Oberhaupts der Federal Urbanisation Administration passt. »Aber trotz...«

»Trotzdem ist diese Nummer eigentlich nur Eingeweihten zugänglich«, unterbreche ich ihn erneut. »Genauso wie gewisse hochverschlüsselte Dateiablagen mit interessantem Videomaterial.«

Ridicc japst nach Luft. Jetzt weiß ich, dass jegliche Schlaftrunkenheit von ihm abgefallen ist, und ich seine volle Aufmerksamkeit besitze. Er fängt sich erstaunlich schnell wieder.

»Jetzt musst du mir ein wenig auf die Sprünge helfen. Ich habe keine Ahnung, was für Dateien du meinen könntest.«

Natürlich. Er hofft, dass ich nur bluffe.

Ich schnalze dreimal mit der Zunge.

»Wer wird denn so vergesslich sein? Allein ein gewisses Drohnen-Video würde sicherlich große Beachtung in oberen Kreisen finden. Es wurde übrigens von einer Aufklärungs-Drohne der FUA aufgezeichnet, die seltsamerweise genau zum richtigen Zeitpunkt von ihrer regulären Flugbahn abgewichen ist. Wer hat eigentlich die Weisungsbefugnis, um so etwas veranlassen zu können?«

Das ist zwar ziemlicher Bullshit, denn ich weiß ganz genau, dass er es nicht war. Aber das weiß er ja nicht.

»Aber ... nein ... er ... ich ... würde nie«, stammelt Ridicc.

Ihm ist klar, dass Iurii fuchsteufelswütend war, als ein Video vom Unfall seines Katers viral ging. Wenn Iurii wüsste, dass es auch bei seinem Lakaien schlummert, dann wäre er sicherlich not amused.

»Was willst du?«, fährt der Prinzipal schließlich mit einem Anflug früherer Autorität auf.

»Zunächst einmal will ich wissen, warum du mir diese Typen auf den Hals gehetzt hast!«, schieße ich zurück.

»Aber du warst doch gar nicht da.«

Erwischt!

»Dann kamen sie also tatsächlich von dir. Vielen Dank für die Bestätigung.«

»Ähm ... aber wo ... wie ...«

»Das braucht dich nicht zu interessieren. Aber mich interessiert, warum die traurigen Gestalten in meiner Wohnung waren. Also, ich höre.«

Hoffentlich war das jetzt nicht zu viel! Unwillkürlich verkrampfen sich die Finger meiner Hände ineinander.

Ridicc atmet tief ein und es hat den Anschein, dass er mit sich ringen würde.

Was mache ich, wenn der mir das nicht abkauft?

Doch dann seufzt er. »Die sollten dir nur ein bisschen auf den Zahn fühlen.«

Ich gebe ein Schnauben von mir und hoffe, dass er nicht bemerkt, wie erleichtert ich gerade bin.

»Weil?«

»Weil ... ich mich darüber geärgert habe, dass du dem Dominus etwas von meiner neuen Einnahmequelle gesteckt hast.«

»Lächerlich. Warum hätte ich das tun sollen?«

Und schon ist die Anspannung wieder da, denn natürlich habe ich genau das getan, was er mir vorwirft.

»Äh ... wie? Aber er hat doch ...«

»Er hat dich drangekriegt«, werfe ich ein und gebe ein gefaktes Lachen von mir. »Der große Meister hat dir eine Geschichte erzählt, auf die du prompt hereingefallen bist.«

»Oh, verdammt«, entfährt es ihm zerknirscht. »Wenn das stimmt, dann habe ich dich vollkommen ohne Grund ...«

»Geschenkt«, winke ich verbal ab.

Jetzt oder nie!

»Aber wo wir schon beim Thema sind. Wie läuft diese 'Einnahmequelle' denn so?«

Der Prinzipal gibt ein nicht unzufriedenes Brummen von sich. Dann – nach einem Klimpern und Glucksen, er hat sich wohl einen Drink eingeschenkt – beginnt Ridicc im Plauderton zu erzählen. Das Erstere aus sämtlichen unbewussten oder erlernten Fähigkeiten. Das Letztere ist das, was am meisten geschätzt wird, denn es enthält das, was man als Erinnerungen bezeichnen kann.

Spontan muss ich daran denken, wie es war, als er mir den Trip aus Almas Daten reingedrückt hat. Mir wird speiübel. Was gäbe ich dafür, jetzt so einen Schalter zu haben, wie ihn Alma in meinen künstlichen analogen Körper programmiert hatte.

Einfach die Einstellung auf null und nichts mehr fühlen.

»Und wisst ihr eigentlich auch, wie die Sache überhaupt funktioniert?«

»Warum ist das wichtig?« Ridicc klingt mit einem Mal um einiges wacher.

Shit. Ich habe mich von seiner Vertrautheits-Masche einlullen lassen. Bin ich zu weit gegangen?

»Ach, pff ... Berufskrankheit ... so als Verfahrenstechniker«, entgegne ich mit einer Gleichmut, die ich nicht empfinde.

»Also rein berufliches Interesse?«

»Na ja, wenn du so fragst ... okay, jetzt ehrlich. Nicht unbedingt am 'Wie', sondern ... am OFFF selbst.«

Ridicc bricht in sein typisches, joviales Glucksen aus.

»Aha! Also ist das der eigentliche Grund für deinen Anruf. Da hättest du nicht erst so große Geschütze auffahren müssen. Ich schulde dir doch sowieso noch was für meinen Überfall damals mit dem ersten Test.«

»Wenn du das so siehst ... hast du dann vielleicht sogar ein Ganzes?«

»Eine komplette Entität?!«

Es ist schwer zu sagen, ob er nur Theater spielt. Mir ist klar, dass einige der Opfer dieser fiesen Offline-Fallen schon längst zerhackt worden sind. Trotzdem dreht sich mir bei dem Gedanken, von Ridicc wirklich einen solchen Kadaver zu bekommen, erneut der Magen um. Doch dann lenkt der Prinzipal ein.

»Na ja, ohne dich wären wir zwar längst nicht so weit, aber da verlangst du ganz schön viel, Junge.«

Bei seinen Worten keimt die Hoffnung wieder in mir auf. Ich bemühe mich, dies nicht in meiner Stimme anklingen zu lassen.

»Ist bloß so'n Gedanke. Du weißt ja, ich bin damit klargekommen. Und jetzt hab ich einfach das Gefühl, dass mir so'n Viertel nix mehr geben würde. Was bringt einem ein Kick, von dem man weiß, dass das nicht alles ist, was gehen könnte.«

Ridicc brummt unschlüssig vor sich hin. Ich dringe nicht weiter in ihn ein. Vorhin habe ich es mit einer Äußerung zu viel fast versaut. Das will ich nicht noch einmal riskieren.

»Na gut«, sagt er schließlich. »Ich lass mir ein Unbehandeltes von drüben schicken. Du kannst es heute Abend bei mir abholen.«

Drüben? Ich muss mich zusammennehmen, um nicht danach zu fragen.

»Heute Abend klingt gut. Nur das mit dem Abholen wird eher schwierig.«

»Warum?«

»Erinnerst du dich daran, was deine Leute bei mir in der Wohnung veranstaltet haben?«

Und so erzähle ich ihm, wie ich über den Notausgang entkommen bin. Über den Catwalk. Über die Lifte, die sich teilweise auch seitlich bewegen. Ich lasse ihn schwitzen. Er verdient es.

»Kennst du Down_Under?«, frage ich schließlich.

»Was soll das sein?«

»Das ist ein ziemlich großer Bereich unter der Sphäre, wo alles mit allem verbunden ist. Das Gute sind zwei Sachen. Eine ist gut für mich, die andere könnte auch gut für dich sein.«

»Inwiefern?«

»Gut für mich ist, dass hier richtig fette Datenleitungen sind, durch die du mir das Ding ohne Probleme schicken kannst. Und gut für dich könnte sein, dass hier ne Menge Typen arbeiten, die sicher froh wären, wenn sie ab und zu mal was hätten, um ihrem öden Dasein entfliehen zu können.«

»Natürlich«, ruft er – und ich weiß, dass ich ihn am Haken habe.

Und Ridicc beginnt zu erzählen.

* * *

»Gute Nachrichten«, rufe ich Alma und Mju zu, als ich die Küche betrete.

Die beiden schauen mir fragend entgegen.

»Mit wem hast du denn dieses ominöse Gespräch geführt?«, fragt Mju.

»Mit dem Prinzipal.«

Ein glockenhelles Lachen lässt Mju und mich zusammenzucken.

»Also, eins muss man dir lassen, Arnaud«, bemerkt Alma keuchend, als sie sich wieder halbwegs beruhigt hat. »Du machst keine halben Sachen.«

Ich hebe grinsend die Schultern.

»Jetzt erzähl«, fordern Alma und Mju fast gleichzeitig – und tragen dabei einen Gesichtsausdruck zur Schau, der erkennen lässt, dass sie Enkelin und Großmutter sind.

»Die Digitalen werden also als Anlagen zu Kryptowährungs-Transaktionen quer durch die Sphären verschickt«, fasse ich zusammen. »Und können sogar eine Weile lang in einem öffentlichen Ledger abgelegt werden.«

»Das ist in der Tat eine gute Nachricht«, unterbricht uns Honeys Stimme.

Wir drehen uns alle drei zu der im Durchgang Stehenden um.

»Und es ist nicht die einzige, denn auch ich habe gerade bei der Arbeit mit Beatrice eine höchst interessante Entdeckung gemacht.«


SZENE3

Limbus


Stimme: unbekannt


du hast jegliches gefühl für zeit verloren. sind sekunden vergangen? tage? wochen? was ist zeit an diesem ort, der sich nie verändert?


nein, das stimmt nicht. um dich herum ist permanente veränderung. doch du bist kein teil davon.


aber du kannst sie beobachten. vielleicht sogar verstehen. was gäbe es hier anderes zu tun, um das warten erträglicher zu machen? also siehst du zu, sammelst informationen, wertest aus.


plötzlich schießt etwas wie ein pfeil auf dich zu. du fragst dich zuerst, was es ist, als es kurz bei dir verharrt, um dann zu verschwinden. dann weißt du wieder, dass es eine bedeutung hat. du selbst hast diese bedeutung erschaffen. es ist der leitstrahl, das signal, das sie zu dir führen wird. doch je mehr sekunden – tage – wochen verrinnen, umso blasser wird die erinnerung.


nur der gleichbleibende fluss der veränderung bleibt.


also sammelst du weiter, wertest aus und beginnst zu verstehen.




Die Geschichte geht weiter.

SPLITTT – Wird der Crawler dich kriegen?

erschienen Februar 2024 · Band 2 der Spherope-Trilogie · C. A. Raaven




SPLITTT – FAQ

Spherope-Trilogie · Band 2

SPLITTT — Fragen & Antworten

Alles, was ihr wissen wollt — ohne zu verraten, was ihr noch nicht wissen sollt.

Voraussetzungen & Einstieg

Ja — SPLITTT setzt die Ereignisse, Figuren und Weltkenntnisse von OFFF direkt voraus. Der Roman beginnt mit einer kompakten Zusammenfassung des ersten Bandes, die als Auffrischung dient. Wer OFFF jedoch nicht kennt, wird entscheidende emotionale Bindungen und Backstory der Hauptfiguren vermissen.

Band 2 setzt unmittelbar nach dem Cliffhanger von Band 1 ein. Mju, Arnaud, Alma und Honey befinden sich in einer schwierigen Ausgangssituation — und stehen vor einer Mission, die kaum Aussicht auf Erfolg zu haben scheint.

»Split« bedeutet auf Englisch Aufspaltung oder Teilung — und verweist auf mehrere Ebenen des Romans: die Aufspaltung von Entitäten, von Identitäten, von Wegen und Entscheidungen. Die drei T sind ein bewusstes typografisches Signal, das auf die Verdreifachung einer Bewegung oder Konsequenz hindeutet — und passen zum Stil der Reihe, die mit Wiederholung als Stilmittel spielt.

Ein Crawler ist im Roman ein antagonistisches Programm im digitalen Netz — eine Art Suchmaschine, die selbstständig Datenpakete aufspürt und verfolgt. Der Untertitel »Wird der Crawler dich kriegen?« ist sowohl wörtlich als auch metaphorisch zu verstehen: Er stellt die Frage, ob die Protagonistinnen und Protagonisten der Überwachung und Verfolgung entkommen können.

Figuren

Mju, Arnaud, Alma, Honey und Kyle sind die Kernfiguren. Auch Iurii und Ridicc bleiben als Antagonisten präsent. Kyle hat in Band 1 einen dramatischen Abgang — seine Situation zu Beginn von Band 2 ist ein zentrales Handlungsmoment.

Ja, mehrere. Besonders bedeutsam sind Fabrice — ein alter Mann mit einer überraschenden Verbindung zu Almas Vergangenheit —, sowie Benisha, eine Kämpferin, die eine eigene Dynamik in die Gruppe bringt. Auch Claude tritt auf: ein ehemaliger Wegbegleiter Almas, der nun auf der falschen Seite steht.

Erheblich. Honey macht in Band 2 eine Entwicklung durch, die in Band 1 noch nicht möglich war — und erlebt dabei Situationen, die selbst für die menschlichen Figuren überraschend sind. Kyles Rolle ist komplexer als zunächst sichtbar: Er ist präsent, auch wenn er es auf den ersten Blick nicht zu sein scheint.

Ja. Die beiden wachsen in Band 2 sowohl als Team als auch in ihrer persönlichen Verbindung weiter zusammen — allerdings auf eine Weise, die die Komplexität ihrer jeweiligen Lebensrealitäten widerspiegelt.

Schauplätze & Worldbuilding

Ja, und das ist einer der großen Unterschiede zu Band 1. Band 2 führt neue, bisher unbekannte Schauplätze ein: Arnaud gelangt in eine verwüstete Außenwelt jenseits der Sphären mit einer eigenen Überlebensgemeinschaft. Mju erlebt währenddessen einen ganz anderen, ebenfalls neuen Ort — auf einem anderen Kontinent. Beide Stränge sind räumlich und atmosphärisch so unterschiedlich wie ihre Erzählerinnen und Erzähler.

Die Horde ist ein neues, bedrohliches Element in der analogen Außenwelt: Menschen, die durch eine Mutation zu etwas anderem geworden sind. Mehr wird an dieser Stelle nicht verraten — ihre genaue Natur gehört zu den eindrücklichsten Momenten des Romans.

QVC steht für eine neue Energietechnologie, die im Laufe des Romans entwickelt und implementiert wird. Sie hat das Potenzial, eine der grundlegenden Abhängigkeiten zwischen analoger und digitaler Welt aufzuheben — und damit die Machtbalance grundsätzlich zu verändern.

Ja. Durch neue Figuren, die zu Almas Ursprungsgemeinschaft gehören, öffnet Band 2 eine weitere Schicht der Worldbuilding-Geschichte. Man erfährt, dass die Gründung der digitalen Welt nicht ohne Konflikte, Verrat und persönliche Tragödien verlaufen ist.

Ton & Leseerlebnis

Ja, deutlich. Während Band 1 viel Zeit für den Aufbau der Welt und der Figuren verwendete, tritt Band 2 schneller ins Geschehen ein und hält ein höheres Tempo. Es gibt Kampfsequenzen, Verfolgungen im digitalen Netz und eine ausgedehnte Klimax — ohne dabei die Figuren zu vernachlässigen.

Ja, regelmäßig — vor allem durch Arnauds trockene innere Kommentare und Kyles unerschütterlichen Witz auch in unmöglichen Situationen. Der Humor ist dunkel und situationskomisch, niemals aufgesetzt.

Der zentrale Konflikt des Bandes wird aufgelöst. Gleichzeitig endet Band 2 mit einer neuen, unerwarteten Bedrohung, die direkt auf Band 3 verweist. Es ist kein Cliffhanger im klassischen Sinne — eher ein dunkler Horizont, der neugierig macht.

Im Kern geht es um Aufspaltung und Wiedervereinigung — von Identitäten, Beziehungen und Welten. Band 2 fragt: Was bleibt von einem Menschen übrig, wenn er fragmentiert wird? Und: Was kann ihn wieder zusammenhalten? Daneben spielen die Grenzen zwischen Mensch und Maschine, Ausbeutung durch Technologie und das Verhältnis von Eltern und Kindern wichtige Rollen.

Form & Stil

Ja. Erstens tauchen Kapitel auf, die weder Mju noch Arnaud als Ich-Erzähler haben, sondern auktorial erzählt sind und andere Figuren ins Zentrum rücken. Zweitens enthält Band 2 eine Kommunikationsform im Format privater Messenger-Nachrichten — eine eigene intime Ebene, die eine neue Sprachqualität in die Geschichte bringt.

Die Hashtags sind die Kapitelüberschriften der MJU-Kapitel — ein Stilmerkmal aus Band 1, das in Band 2 konsequent weitergeführt wird. Statt eines neutralen Titels kündigt ein Hashtag den folgenden Abschnitt im Netz-Idiom an: manchmal als Popkultur-Referenz, manchmal als Ironie, manchmal als mehrdeutiges Versprechen. Die Form ist kein Zufall — Mjus Stimme kommt aus der digitalen Welt, und ihr Kapitel beginnt entsprechend.

SPLITTT — Wird der Crawler dich kriegen?  ·  C. A. Raaven  ·  Band 2 der Spherope-Trilogie

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